Rezension: „Simón Radowitzky – Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer“

Die deutschsprachige anarchistische Literatur ist leider recht begrenzt. Das wird spätestens deutlich, wenn man eine italienische, französische oder spanische Bibliothek betritt. Eine Konsequenz dieser begrenzten Auswahl ist ein sehr lückenhaftes Wissen über anarchistische und revolutionäre Geschichte und somit ein Fehlen relevanter Ereignisse und Debatten, auch für die zeitgenössischen Analysen und Kämpfe. So ist beispielsweise das Schicksal von Sacco und Vanzetti und die weltweite Solidarität mit ihnen auch im deutschsprachigen Raum vielen bekannt.

Wenn auch meist aus einer sehr linken Perspektive, in der die beiden von der US-Justiz ermordeten italienischen Migranten als unschuldige Opfer und nicht als revolutionäre Anarchisten, die sie waren, dargestellt werden. Hingegen ist ein anderes Kapitel internationaler Solidarität hier weitestgehend unbekannt. Dafür sind allerdings nicht nur sprachliche Barrieren der Grund. Die Solidarität mit dem Anarchisten Simón Radowitzky war auch sehr stark und wurde in vielen Ländern auf die Straße getragen. Allerdings war es in seinem Fall nicht möglich, ihn als unschuldiges Justiz-Opfer zu instrumentalisieren. Er hatte 1909 Ramón Lorenzo Falcón, den berüchtigten General, der in Argentinien blutig Arbeiter*innen-Streiks und Demonstrationen niederschlagen ließ, mit einer Bombe ermordet.

Aufgrund seines jungen Alters konnte er nicht hingerichtet werden, sondern saß viele Jahre in Feuerland im Knast. Er hatte sich als Jude, der die antisemitischen Progrome der Kosaken im Zarenreich überlebt hatte, revolutionären Anarchist*innen angeschlossen und floh nach der Revolution 1905 nach Argentinien.

Seine Tat und Gefangenschaft bewegte viele, selbst gegen die Herrschaft zu kämpfen. So führten z.B. Severino di Giovanni und seine Mitstreiter*innen viele Angriffe für die Freiheit Radowitzkys durch, aber auch an vielen anderen Orten der Welt ließen Anarchist*innen das Dynamit in Solidarität sprechen. Nach einer spektukulären, aber leider gescheiterten Flucht durch die Wildnis Feuerlands, verließ Simón Radowitzky den südamerikanischen Kontinent und kämpfte in Spanien gegen den Faschismus. Er landete, wie so viele Revolutionär*innen, in einem französchischen Gefangenenlager. 1956 starb er in Mexiko.

Seit einigen Jahren gibt es nun eine sehr lesenswerte Graphic-Novel über sein Leben. Mittlerweile wurde Augustín Comottos Buch aus dem Spanischen auf Englisch und Deutsch übersetzt. Erfreulich ist, dass es sich nicht nur künstlerisch sehr lohnt, sondern auch inhaltlich und historisch genau ist. Auch zeigt der Autor eine Nähe zur anarchistischen Bewegung und Idee. So hat z.B. der britische Anarchist Stuart Christie ein Vorwort für das Buch geschrieben. Bis heute wirkt die Geschichte Simón Radowitzkys. Im Herbst 2018 wurde eine Anarchist*in bei dem Versuch, Falcóns Grab zu sprengen, schwer verletzt. Ihre und die Festnahmen weiterer Menschen im Zuge des Repressions-Schlages wurden, wie wir es von anderen Orten kennen, wenige Wochen vor dem G-20-Gipfel in Buenos Aires medial ausgeschlachtet.

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