Volkstrauertag: Kommentar zum Stand deutscher Befindlichkeiten

Am morgigen Sonntag findet bundesweit der sogenannte Volkstrauertag statt, an dem auf Friedhöfen den Opfern von Krieg gedacht wird. Da es bei diesen Veranstaltungen allerdings vorranging um deutsche Opfer geht, ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren in verschiedenen Städten Nazis zusammen mit VertreterInnen aus Politik und Gesellschaft um gefallene Wehrmachtsoldaten trauerten. Dazu ein paar kurze Anmerkungen:

Am 9. November diesen Jahres jährte sich das Losschlagen des deutschen Massenmörderkollektivs gegen Jüdinnen und Juden, die Reichspogromnacht, zum achtundsechzigsten mal. Die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland trägt seit eh und je ebenso pathologische Züge, wie der Antisemitismus der zu ihr führte. Es ist kein Zufall, dass Menschen wie Inge Höger und Anette Groth, die sich 2010 noch auf dem Frauendeck des Terrorschiffes “Mavi Marmara” sonnten, einen Tag nach dem 9. November eine Veranstaltung planten, zu der sie Gäste einluden die Israel regelmäßig mit dem dritten Reich vergleichen. Genauso wenig überrascht es wenn an diesem Datum ein Jürgen Todenhöfer ähnliche Vergleiche auf seiner Facebookseite anstellt. Durch das pojizieren der eigenen Taten, des eigenen schlechten (kollektiven) Gewissens auf den Staat Israel und seine Politik kann man sich ganz bequem jener Schuld entledigen, auf deren Abwehr alles hinausläuft, wenn in Deutschland von der nationalsozialistischen Vergangenheit die Rede ist. Denn wennn sich die Opfer von damals heute so Verhalten wie die Täter, dann ist es mindestens ungerecht als die deutsche Bestie dargestellt zu werden und sich auch so zu fühlen, die man in Wahrheit doch war, aber nie gewesen sein will. Nur am Rande sei erwähnt, dass bei solch wüsten “Israelkritikern” wie Jürgen Todenhöfer gewiss auch noch andere Elemente zur Geltung kommen, wenn es um ihren Hass auf den jüdischen Staat geht.

Das Entledigen und Relativieren von Schuld und Scham ob der deutschen Barbarei lief und läuft so erfolgreich im Sinne ihrer Protagonisten, dass Gerhard Schröder sich 2006 wünschte, das Holocaust Mahnmal in Berlin möge ein Ort sein, zu dem man gerne hingeht. Das schlechte Gewissen wurde hier zu einer ganz selbstbewussten Bezugnahme transformiert, durch die man sich als geläuterte Nation präsentieren kann, die aus ihrer Vergangeheit gelernt habe. Und was man gelernt hat ist allerhand. Nicht nur hat man sich damit das Recht erlogen, dem Staat der Shoah Überlebenden und ihren Nachfahren seine Verteidungsmaßnahmen anzukreiden, sondern man konnte auch den überwiegend islamischen Mileus entstammenden Friedensfreunden, die im vergangenen Sommer am liebsten so losgeschlagen hätten, wie man es selbst einst tat, genau das vorwerfen. Ohne dabei auch nur den geringsten Zusammenhang von “Israelkritik” durch alle deutschen Medien hindurch und antisemitischer Gewalt auf der Straße herstellen zu können. Das reichte teilweise bis zu der ernsthaft diskutierten Frage, ob die dargebotenen antisemitischen Ausfälle nicht nur ein Importprodukt seien. Dass es Deutsche waren, welche die Inspiration für Parolen wie “Hamas, Hamas, Juden ins Gas” lieferten, fiel vor lauter Verdrängung gar nicht mehr auf. Jedoch lernte man auch und vor allem endlich etwas über das große Leid, welches den Deutschen im Krieg wiederfahren sei. Das durch und durch ekelhafte Machwerk Nico Hoffmanns “Unsere Mütter, Unsere Väter” bringt diesen twist in der story von der Vergangenheitsbewältigung sehr anschaulich auf den Punkt. Das Gefasel davon, dass es ja nicht alle gewesen sind, die für deutsches Blut und deutschen Boden in den Krieg zogen, manifestiert sich in dieser sehr deutschen Produktion, in der die Ausnahme zur Regel erklärt wird und die auch genau deshalb von Ausschwitz gleich gar nichts mehr wissen will. Der Fokus liegt klar auf den vermeintlichen Leiden der Täter von damals, mit denen sich auch deutsche Neonazis schon immer zu identifizieren wussten.

Diese Opfermentalität wurde am vergangen Sonntag famos gefeiert, mit einer riesen Party in Berlin gedachte man den “Opfern der Teilung”, also der letzten unmittelbaren Konsequenz des verlorenen Krieges, ebenso Marschierten am Berliner Alexanderplatz Nazis auf, ebenso gab es eine Kundgebung von CDU, AfD und Npd in Erfurt, wo die ostzonale politisch interessierte Bevölkerung Fackeln entzündete, um gegen eine demokratisch gewählte Regierung zu protestieren. Das Wahlergebnis als ein Tritt ins Gesicht für die “Opfer der Teilung”. Dabei sind es gerade die Protestierenden die mit ihrem in bester Tradition deutscher Vergangenheitsbewältigung stehendem Aufzug das Bedürfnis weckten, einmal kräftig zu einem solchen Tritt in ihre Richtung auszuholen. Die Einheit von Neonazis und der sogenannten Mitte der autochtonen Bevölkerung zeigt sich nicht nur, aber doch besonders und in fast schon dankenswerter Deutlichkeit besonders an den Gedenkfeiertagen dieses Landes. So auch am Volkstrauertag der zu Ehren gescheiterter Welteroberer arischer Prägung aus dem Nationalsozialismus übernommen wurde, unter anderem Namen versteht sich. Zu diesem Anlass rotten sich mitte November regelmäßig Vertreter der Stadt, sog. Angehörige und Neonazis zusammen. Dieses Jahr findet der Spuk genau eine Woche nach dem Gedenken an die Opfer der Progrome vom 9.11.1938 statt. Es ist ein Hohn auf die Opfer des Nationalsozialismus, wenn Oma, Opa und Hans-Peter in vertrauter Runde hinterhergeheult wird, hiesige Neonazis das Gedenken an eben jene Opfer stören und das ganze Land angesichts der Erinnerung an die Mauer in Selbstmitleid versinkt.

Diese Scheußlichkeiten können als konsequenter Ausdruck dessen verstanden werden, was 1989 unter der Parole “Wir sind das Volk” begann. Man ist sich einig.

Artikel zu erst hier erschienen und etwas abgeändert

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