Zum 70. Jahrestag der Ermordung von Siegmund Sredzki, Heinz Bartsch, Erich Boltze und Ernst Fürstenberg

Am 27. März 1944 überraschte die SS im KZ Sachsenhausen, in der Baracke 28 den Häftling Friedrich Büker beim illegalen Abhören von „Radio Moskau“. Des Weiteren fand sie Druckutensilien, mit denen die Häftlinge die Nachrichten im Lager verteilten. Eine Sonderabteilung des Reichssicherheitshauptamtes begann mit Untersuchungen, um eine mutmaßliche internationale Widerstandsorganisation im Lager aufzuspüren und zu zerschlagen. Schon am 28. April 1944 wurde Heinz Bartsch von der Funktion als Lagerältester enthoben und in das KZ-Sondergefängnis verbracht.

Nach mehrmonatigen Ermittlungen unter Einsatz von Verhören und Folterungen sowie durch Mithilfe von Häftlingen, die sich für Spitzeltätigkeiten zur Verfügung stellten, gelang es der Sonderkommission nachzuweisen, dass von deutschen Kommunisten eine Solidaritätsaktion unter den Häftlingen organisiert wurde. Die Sonderkommission verhaftete im Laufe der Untersuchung immer mehr Häftlinge. Eine Vielzahl von ihnen wurde ihrer Funktionen als Lagerältester, Blockältester oder Vorarbeiter enthoben. Sie kamen in schwere Arbeitskommandos oder in Isolationshaft in die Baracke 58. Zu ihnen gehörte auch Erich Boltze.

Die Sonderkommission beendete im September 1944 ihre Arbeit. 103 der Verhafteten wurden nach Mauthausen deportiert, andere wieder ins Lager eingegliedert. Lagerkommandant Kaindl erhielt den Befehl, 27 Häftlinge vor versammelter Lagergemeinschaft öffentlich zu erhängen. Wegen befürchteter Unruhen unter den Häftlingen wurde der Exekutionsbefehl abgeändert.

In den Abendstunden des 11. Oktobers 1944 wurden Alfred Arendt, Heinrich (Heinz) Bartsch, André Bergeron, Marceau Benoit, Erich Boltze, Friedrich (Fritz) Büker, Emil Dersch, Ernst Fürstenberg, Willi Grübsch, Arthur Hennig, Rudolf Hennig, Dietrich Hornig, Otto Kröbel, Erich Mohr, Rudolf Mokry, Kurt Pchalek, Emile Robinet, Johann (Hanns) Rothbarth, Josef Rutz, Wilhelm Sandhövel, Augustin (Gustl) Sandtner, Ernst Schneller, Josef Schup, Gustav Spiegel, Siegmund Sredzki, Mathias Thesen und Ludger Zollikoffer in der „Station Z“ mit Maschinenpistolen erschossen.

Wer waren Heinz Bartsch, Erich Boltze, Ernst Fürstenberg und Siegmund Sredzki?

Heinz Bartsch

Heinrich (Heinz) Bartsch, am 13. oder 19. September 1906 in Gelsenkirchen geboren, arbeitete als Bergmann, bevor er nach Hennigsdorf bei Berlin zog. Ab März 1928 arbeitete er dort als Ofengehilfe im Stahl- und Walzwerk. Im selben Jahr trat er in die KPD und in den Deutschen Metallarbeiterverband ein, wurde Org.-Leiter der KPD-Betriebszelle und gehörte 1929 der Streikleitung im Walzwerk Hennigsdorf an. Er wurde gemaßregelt und verlor den Arbeitsplatz. Er leitete eine Straßenzelle der KPD, später wurde er Instrukteur des KPD-Unterbezirks Berlin-Nord. Seit 16. Mai 1931 bis 1934 arbeitete er als Kontorist und Lagerverwalter bei der Handelsvertretung der UdSSR in Berlin-Kreuzberg.

Noch Anfang Februar 1933, nach Machtübertragung an die Nazis, organisierte Heinz Bartsch antifaschistische Kurzdemonstrationen in Hennigsdorf, er war an der Anbringung antifaschistischer Losungen an Hauswänden, Zäunen und Brücken beteiligt. Als Funktionär der illegalen KPD in Berlin war er in Pankow, Wedding, Charlottenburg, Kreuzberg sowie in Schönow und Bernau bei Berlin tätig. 1934 bis Ende August 1935 war er Politischer Leiter des KPD-Unterbezirks Pankow, war an der Herstellung der illegaler Druckschriften, Flugblätter und der Zeitung „Die Wahrheit“ beteiligt.

Am 27. April 1936 von der Gestapo verhaftet, wurde er am 5. November des gleichen Jahres vom Kammergericht Berlin wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Haftverbüßung wurde er am 5. November 1939 nicht entlassen, sondern ins KZ Sachsenhausen gebracht. Er kam in die Schreibstube und war ab 1. Oktober 1942 Lagerältester. Geschickt nutzte er die Funktion, um Solidaritäts- und Widerstandsaktionen im Lager zu organisieren. So fälschte er Totenlisten, meldete noch Lebende als tot und rettete auf diese Weise Häftlinge vor ihrer Verschleppung nach Auschwitz.

Erich Boltze

Geboren am 2. September 1905 in Weißensee, wohnte Erich Boltze in der Pistoriusstr. 28. Er absolvierte eine Tischlerlehre und trat bereits mit sechzehn Jahren der „Freien Sozialistischen Jugend“ bei. Außerdem war er Mitglied im Deutschen Holzarbeiterverband (DHV), im Arbeitersportverein „Fichte“ und im Kommunistischen Jugendverband (KJVD). Er arbeitete in verschiedenen Berliner Betrieben und übte bis 1927 eine Vielzahl von Funktionen im KJVD aus. 1925, mit 20 Jahren, trat er in die KPD ein. Ab 1926 arbeitete er als Bote bzw. Kontorist in der Handelsvertretung bzw. Botschaft der UdSSR in Berlin-Kreuzberg. Zu seinen vielfältigen Funktionen gehörten: KPD-Zellenleiter in Berlin-Wittenau, Schulungsleiter im KPD-Unterbezirk Berlin-Nord, Gewerkschaftsfunktionär im DHV, Funktionär (Kanuabteilung) des ASV „Fichte“.

Nach der Machtübertragung an die Faschisten führte auch Erich Boltze den antifaschistischen Kampf und die Parteiarbeit illegal weiter: Er wurde 1933 Funktionär der illegalen KPD in Neukölln. Am 21. Dezember 1937 wurde er wegen illegaler Tätigkeit für die KPD verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er im Zuchthaus Luckau verbüßte. Nach Haftentlassung wurde er unverzüglich in das KZ Sachsenhausen überstellt. Er wurde in der Häftlingsschreibstube eingesetzt, wo er gute Möglichkeiten hatte, seine illegale Tätigkeit weiter fortzusetzen. Neu eingelieferten Häftlingen gab er wichtige Hinweise zum Verhalten im Lager. Ende 1943 gelang es, Erich Boltze ins Außenlager „Heinkel“ zu lancieren. Er sabotierte die Bomberproduktion und baute ein Kurier- und Nachrichtensystem ins Hauptlager auf.

Ernst Fürstenberg

Ernst Fürstenberg, am 30. Juni 1899 in Memel geboren, besuchte das Polytechnikum in Köthen (Anhalt) und arbeitete als Chemiker. Schon mit zwanzig Jahren schloss er sich 1919 der neu gegründeten KPD an. Arbeitslosigkeit zwang ihn, auf Wanderschaft zu gehen. Er nutzte die Zeit, um Kenntnisse über das Leben der Arbeiter in anderen Ländern zu erwerben und vertiefte sein Wissen im Marxismus. Das befähigte ihn, ab 1931 als Lehrer für Philo-sophie an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) zu wirken.

Nach der Machtübertragung an die Faschisten führte Ernst Fürstenberg die Schulung der Genossen der KPD illegal weiter. Er hatte großen Anteil am Aufbau der illegalen Partei-organisation im Unterbezirk Berlin-Mitte. Intensiv verbreitete er bis zu seiner Verhaftung am 18. Oktober 1934 antifaschistische Flugblätter und Zeitschriften.

Im Dezember 1934 klagte das Kammergericht im Prozess „Fürstenberg und Genossen“ Kommunisten aus Mitte und Kreuzberg an, die größtenteils der illegalen Betriebsgruppe des Kaufhauses „Held“ in der Invalidenstr. 161-164 angehört und an Schulungen teilgenommen hatten. Ernst Fürstenberg als Hauptangeklagter wurde zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Verbüßung der Strafe wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.

Siegmund Sredzki

Siegmund Sredzki, geboren am 30. November 1892 in Berlin-Prenzlauer Berg, erlernte nach Abschluss der Volksschule von 1907-1911 den Beruf eines Drehers bei einer Firma in der Schönhauser Allee 44 und arbeitete in Waffen- und Munitionsfabriken, bis er 1915 zum Militär einberufen wurde. Er nahm 1918 an den bewaffneten Kämpfen der Novemberrevolution teil und trat in die USPD ein. Er gehörte zum linken USPD-Flügel, der sich 1920 mit der KPD vereinigte. Nach dem Ersten Weltkrieg war zunächst wieder als Dreher tätig, später als Heizer. Er wurde Mitglied der Reichsleitung des „Verbandes proletarischer Freidenker“ und der Berliner Leitung des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“.

Sofort nach der Machtübertragung an die Nazis nahm Siegmund Sredzki den illegalen Kampf auf. Er wurde Zelleninstrukteur des illegalen KPD-Unterbezirks Prenzlauer Berg und einer von fünf KPD-Hauptinstrukteuren in Berlin. Am 7. Dezember 1934 gemeinsam mit seiner Frau Margarete und seinem Sohn Gerhard verhaftet, wurde er am 9. Juni 1936 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, die er u. a. im Zuchthaus Luckau, in den Strafgefangenenlagern Börgermoor, Esterwegen und Aschendorfermoor ableistete. Am 11. Juni 1940 wurde er in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Sachsenhausen gebracht.

Ehemalige Mitgefangene sprachen in ihren Erinnerungen stets voller Hochachtung und Wertschätzung von Siegmund Sredzki. Er war auch unter den komplizierten Bedingungen langer Haftjahre zuversichtlich und hilfsbereit, mutig und vorbildlich. Er war leitend an der Organisierung der illegalen Arbeit der Häftlinge im KZ Sachsenhausen beteiligt und stand an der Spitze der Solidaritätsaktionen für die ins Lager kommenden ausgehungerten sowjetischen Kriegsgefangenen.

Im Prenzlauer Berg wurde am 4. September 1974 eine Straße nach Erich Boltze benannt, ebenso wie nach Heinz Bartsch und Ernst Fürstenberg, um die Erinnerung an sie zu bewahren. Bereits am 31. Januar 1952 hatte eine Straße den Namen Siegmund Sredzki erhalten.

Quelle: berliner VVN BdA

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