Es geht immer weiter! Debattenbeitrag nach der Auflösung der Antifaschistischen Linken Berlin [ALB]

Im August 2014 gab die Antifaschistische Linke Berlin [ALB] bekannt, das sie sich aufgelöst hat. Die Auflösung ist berechtigt und vielleicht war es auch an der Zeit. Viele wußten ja das es dazu kommen würde. Es hat sich sozusagen abgezeichnet. Wie bei vielen weiteren Gruppen in den letzten Jahren, die sich auflösten. Das Problem daran ist das selten dieses Vacuum gefüllt wird. Angefangen bei dem Übergang von AAB(O) zur ALB. Auch wenn der Reformerscheiß in den letzten Jahren die Oberhand gewonnen hatte so konnte die ALB doch viele Menschen unter ihrem Dach vereinen. Das ist nun mal Fakt auch wenn ich es nicht gut fand hinter seinen Positionen als radikale linke zurück zu stehen. Organisatorisch ist es ein Disaster. Ein Disaster deshalb weil in der sogenannten radikalen Linken eben die wenigsten Menschen auch Verantwortung für ihr handeln in kauf nehmen. Das bedeutet auch für die schlechten Entscheidungen grade zu stehn. Aber dafür muß mensch eben erstmal Entscheidungen treffen und dabei das wesentliche nicht aus den Augen verlieren. Das bedeutet eben Verantwortung, Selbst – Diziplin, ein stückweit soziale Kompetenz gegenüber dem Individuum, das Vertrauen in das kollektiv, eine annähernd gleiche Zielsetzung im Ganzen und um die Ecke, sowie eine an die Praxis angepasste Theorie.

Der nach folgende Text dient der Debatte und soll Möglichkeiten und Betätigungsfelder der radikalen Linken und der Antifa Aufzeigen.

Antifa heißt radikale Kritik

Es ist und war stets Teil des Konzepts der Autonomen Antifa unter einem Dach verschiedene linke Strömungen und Ansätze zu vereinen, um dadurch der innerlinken Zerstrittenheit vorzubeugen und den Schwerpunkt auf den gemeinsamen Nenner, den antifaschistischen Kampf legen zu können. Unterschiedliche Positionen sollten in längeren Debatten zu gemeinsamen Standpunkten vereint und produktiv in antikapitalistische Politik umgesetzt werden. Meines Erachtens ist dies elementarer Bestandteil für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit anderen Linksradikalen und in Bündnissen mit bürgerlichen Gruppen. Eine Trennung oder Auflösung heißt für mich nicht, dass dieser sammelnde Charakter grundsätzlich scheitern muss, er ist halt am Beispiel der ALB in aktuellen Diskussionen an seine Grenzen gestoßen.

Antifa hat sich immer mit Kapitalismus und dessen Kritik beschäftigt. Antifa bedeutet aber auch zu erkennen, dass es nicht nur immer vorwärts geht. Den drohenden Rückfall hinter die Errungenschaften der Moderne zu verhindern, kann derzeit die einzige “Praxis” sein. Bei der aktuellen gesellschaftlichen Situation von der baldigen Revolution zu träumen erscheint mir mehr als nur weltfremd. Antifa heißt auch, die radikale Kritik nicht zu Gunsten einer linken Pseudopraxis aufzugeben. Antifa heißt auch, keine Zugeständnisse zu machen, an Leute die hinter die bestehenden Verhältnisse zurück wollen. Ein Rückfall, erscheint aufgrund der kapitalistisch verfassten Gesellschaft mit ihren inhärenten Krisentendenzen und den entsprechenden Reaktionsmustern der zugerichteten Subjekte, als wahrscheinlicher – die Geschichte bietet genügend Beispiele.
Die einzige “Praxis” kann die sein, den erreichten Grad der gesellschaftlichen Freiheit gegen ihre Gegner zu verteidigen und zu hoffen, dass das Ende der Feinde der Freiheit den Beginn jener Individuen markiert, welche mit dem gesellschaftlichen Reichtum Besseres anzufangen wissen, als sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Das ist Antifaschismus – Das ist die einzige Chance auf eine wahrhaft menschliche Gesellschaft.

gesellschaftliche Veränderung oder blinder Aktionismus?

Dieser Streitpunkt ist so alt wie die Linke selber: soll zuerst ein allumfassendes Programm erarbeitet werden, oder sollen sich auf Basis eines antikapitalistischen Grundverständnisses aus der Praxis weiterführende Positionen ergeben? Gruppen wie die Autonome Antifa [M] haben Anfang der 90er Jahre nicht nur wegen ihrer eindeutigen Positionsbestimmung für so viel Wirbel gesorgt, sondern vor allem weil sie ihre inhaltlichen Überlegungen und inhaltlichen Anliegen wirkungsvoll auf die Straße getragen und so für Orientierung, aber auch für Reibefläche und Diskussionen gesorgt haben. Und schon waren sie Teil einer ausführlichen Debatte um linksradikale Politik, um Neugestaltung von Konzepten und Perspektiven. Das war kein blinder Aktionismus, sondern die Erkenntnis, dass auch das beste Programm nichts nützt, wenn sich niemand dafür interessiert, weil man als zirkelhafte Kleingruppe alleine unter Büchern verschwindet.

Gesellschaftliche Veränderung finden nicht im luftleeren Raum, sondern eben in der Öffentlichkeit bzw. im Kapitalismus statt. Wer sich davor verschließt, kann gar nicht auf genannte Veränderungen reagieren. Auch wenn die Revolution zur Zeit nicht gerade bevor steht, geht es doch immer darum, revolutionäre Politik mit dem dahinter stehenden Ziel einer klassenlosen Gesellschaft öffentlich wahrnehmbar zu machen, Räume zu öffnen und die Linke zu stärken.

Krise und Rassismus

Rechtsradikale Bewegungen knüpfen an die Probleme im Kapitalismus an und versprechen den brutalen Kampf der kapitalistischen Interessen in als »natürlich« oder »göttlich« vorgestellten – jedenfalls irrational legitimierten – Gemeinschaften stillzustellen. Soziale – also veränderbare – Prozesse und Konflikte werden von Ihnen in unveränderbare umgedeutet. Das ist, trotz der mitunter revolutionären Selbststilisierung (z.B. bei einigen Islamisten oder Autonomen Nationalisten), das Wesen des Rechtsradikalismus. Dazu propagiert er die totale Unterordnung des bürgerlichen Subjektes unter ein essentialistisch definiertes Kollektiv, das gegen »die Anderen« in Stellung gebracht wird. Damit stoßen Rechtsradikale nicht selten auf offene Ohren. Es macht daher wenig Sinn, antifaschistische Aktionen auf – dem historischen Vorbild gleichende – faschistische Gruppierungen zu begrenzen. Egal ob Neonazis, Burschenschaftler, Islamisten oder Evangelikale – am inhaltlichen Ansatz der irrationalen Festschreibung sozialer Verhältnisse lässt sich das feindliche Gegenüber des Antifaschismus erkennen. Selbst wenn es sich, wie beispielsweise einige Sekten oder Hooligans, als »unpolitisch« versteht.
Die Gemeinsamkeit unterschiedlicher, regressiver Krisenlösungen besteht in der Absage selbst an die bürgerliche Idee menschlicher Individualität und Vernunft. Wo die liberale bürgerliche Gesellschaft den Menschen im Stande der Unfreiheit mit den eingeschränkten Wahlmöglichkeiten zugleich auch die Möglichkeit der Emanzipation aufnötigt, stellen Rechtsradikale sie gar nicht mehr vor diese Wahl. Rechtsradikale Bewegungen geraten daher aus strukturellen Gründen – und nicht nur aus Sorge um das Standortimage – mit bürgerlichen Institutionen in Konflikt.

Auch in der Mitte der Gesellschaft existiert eine rassistische Krisenerzählung, die die Ursachen der Wirtschaftskrise auf die vermeintlich »faulen Griechen« und »Siesta Spanier« schiebt und damit kulturalisiert. Die existierende Krise wird nicht als ein Problem der seit Jahrzehnten forcierten Polarisierung von Arm und Reich betrachtet. Die Ursache wird auch nicht in der Enteignungspolitik des Neoliberalismus oder den Spekulationsstrategien der Großbanken und der verheerenden Exportdominanz der Bundesrepublik in Europa – und der damit verbundenen Zerstörung lokaler Produktionsketten in den süd-(ost-)europäischen Ländern gesucht, sondern nur als ein Problem von kulturell bedingter Inkompetenz und Faulheit gedeutet.

Dieser national vermittelte Verblendungszusammenhang ermöglicht ungeachtet der realen Klassenunterschiede hierzulande eine nationalistische Überheblichkeit. Diese rassistisch eingefärbte Überheblichkeit ist häufig auch in den Äußerungen von Politiker_innen zu spüren, wenn großkotzige »Ratschläge« an »Schuldensünderländer« erteilt werden. Am deutlichsten brachte dies CDU-Frontmann Volker Kauder im Jahr 2011 auf den Punkt. Damals sagte er im Brustton national-historischer Rührung: »In Europa spricht man wieder deutsch«. Auch in den Medien wird an der Inszenierungen gearbeitet. Von den »Zypri-Idioten« (Phoenix) bis »Pleite-Griechen, verkauft doch eure Inseln« (BILD) reicht die mediale Empörungswelle. Zahlreiche Politiker_innen befeuern die Stimmung durch Parolen wie »Wir werden die Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bis zur letzten Patrone bekämpfen« (CSU-Seehofer).

Viele Roma aus Südosteuropa fliehen vor dem brutalen Rassismus und der Perspektivlosigkeit in ihren Ländern. Hierzulande wird Antiziganismus immer offener artikuliert und dabei unverhohlen an rassistische Stereotype aus der NS-Zeit angeknüpft. Im Umgang mit den zahlreichen Flüchtlingen aus den vielfachen Krisenregionen der Welt setzen Regierung und auch SPD-Innenminister in den Ländern auf einen harten Kurs. Die Außengrenzen der EU werden durch die EU-Agentur Frontex und Abkommen mit Ländern auf den Migrationsrouten abgeschottet und diejenigen, die durchkommen, werden für das Wirtschaften in den Schattenökonomien in der Landwirtschaft und Gastronomie profitabel ausgebeutet. Eine Vielzahl von Geflüchteten wird durch Residenzpflicht und das Verbot legaler Arbeit ausgegrenzt und drangsaliert, und müssen häufig in abgeschotteten Sammellagern ihr Dasein fristen.

Neues, altes Supportfeld: Refugee-Proteste

Proteste gegen den Umgang mit Geflüchteten sowie dem Recht auf Asyl, dass de facto 1993 abgeschafft wurde und als Flüchtlingsabwehr- sowie Repressionspolitik weiter fortgesetzt und verschärft wird, sind nicht neu. Daran waren immer selbstbestimmte Refugees und -gruppen, Linke und viele andere beteiligt. Der pauschale Vorwurf der angeblichen „Instrumentalisierung“ von Refugees durch „Linke“ ist ein politisches Konstrukt der Gegner_innen eines umfassenden, ursprünglichen Rechtes auf Asyl im Allgemeinen und von selbstbestimmten Refugeeprotesten im Einzelnen. Sie negieren bewußt die Heterogenität und Komplexität der Refugeeproteste sowie deren Unterstützung und Verhältnisse, um diesen pauschalen Vorwurf konstruieren zu können. Sie wollen sich damit ihre eigene Einflussnahme, Dominanz und Deutungshoheit sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse und Privilegien als einzig „legitime“ Ansprechpartner_innen sichern. Nur sie wollen definieren, was Refugees angeblich gut tut, was sie angeblich denken und was sie brauchen. Hier wird meist (dazu aus privilegierter bzw. auch und insbesondere rassistischer + kolonialer Sicht, bzw. „Wohltätigkeits- und Sozialarbeiterdenken“ etc.) den Refugees das Recht (das ihnen ohnehin verweigert wird) aber insbesondere die Fähigkeit abgesprochen, für ihre Rechte und Interessen selbst eintreten und dies auch selbst kommunizieren zu können. Also keine eigenständig denkenden, entscheidenden und handelnden Subjekte seien zu können, sondern sie als beliebig manipulier- und steuerbare Objekte darzustellen. Auch Rahmenbedingungen sollen dafür gar nicht erst geschaffen und Abhängigkeiten aufrecht erhalten werden.

Jede Unterstützung ihrer Proteste und Forderungen in Übereinstimmung mit eigenen politischen („linken“) Forderungen und Einstellungsmustern wird zur angeblichen „Instrumentalisierung“ umgedeutet bzw. verfälscht, um diese zu dem zu diskreditieren, als unmöglich darzustellen, den Refugees Unterstützung und Solidarität zu entziehen, zu spalten und „linke“ Inhalte gleich mit zu delegitimieren. Übereinstimmungen „linker“ und menschenrechtlicher Positionen mit den Forderungen der Refugees und daraus resultierende Unterstützung sind eben nicht per se eine Instrumentalisierung und erweisen sich letztendlich am aktiven Handeln und der Reflexion eigener Privilegien und Dominanzverhältnisse sowie dem Umgang damit. Das schließt gleichzeitig einzelne (aber ebenen nicht pauschale, generelle „Instrumentalisierungen“) nicht aus. Dazu sind als „links“ oder auch „autonom“ etc. bezeichnete Unterstützungen weder homogen noch definieren sich alle Unterstützer_innen bzw. -gruppen innerhalb dieser Selbstzuschreibung bzw. Kategorien oder der von außen politisch gewollten, homogenen, pauschal-zusammenfassenden Fremdzuschreibung.

Lasst Euch also nicht kriminalisieren, diskreditieren oder abschrecken und entsolidarisieren. Der Kampf um das ursprüngliche Recht auf Asyl, auf Gleichberechtigung, Gleichbehandlung und Gleichwertigkeit, Bleiberecht, Teilhabe für alle etc. geht weiter … unbeirrt! Um so mehr uns politische Gegner_innen in diesem System anzugreifen und zu diskreditieren sowie zu kriminalisieren versuchen, um so stärker müssen wir werden, zusammenrücken und -finden … es ist der Beweis dafür, dass die herrschende Politik die Refugeebewegung und ihre Unterstützung, egal wie heterogen beides ist, ernst nimmt und weiß, dass sie weder zu räumen noch auszuhungern ist!“

Neue Aufgabenfelder: AfD und Co.

Die Aufmerksamkeit sollte nach wie vor den Neonazis gelten, aber auch rechtspopulistischen Bestrebungen. Vor allem die Themen Migration, Islam und Europa zeichnen sich durch eine diskursive Verbindungslinie zwischen konservativen und faschistischen Argumentationsmustern aus. Die sogenannte Sarrazin-Debatte und das gute Abschneiden der Alternative für Deutschland (AfD) sind ein Ausdruck davon.

Mit der „Alternative für Deutschland“ entsteht nun eine rechte parlamentarischen Alternative zwischen NPD und CDU/SPD, an ihr zeigt sich die gesellschaftliche Verankerung und Legitimation von rassistischen und nationalistischen Denkmustern. Diese Denkmuster werden in Krisenzeiten leicht von rechten Formationen in Stimmen und Straßengewalt umgesetzt. Der Blick in das europäische Ausland zeigt, welche Dynamiken für rassistische Mobilisierungen entstehen können. Die AfD bündelt momentan noch eine diffuse Melange aus ordoliberalen, europaskeptisch-nationalistischen, elitären und rechtskonservativen Kräften. In ihr sammeln sich mittelständische Angstbürger und proletarische Deklassierte, die von der gemeinsamen Angst zusammengehalten werden, in der Krise reale oder vermeintliche Privilegien zu verlieren.

Die AfD ist bemüht, sich als »Volkspartei« in Gegnerschaft zu einem »EU-Staat« darzustellen, der in ihrer Interpretation nur aus einer »dünnen Schicht von Technokraten« besteht. Hierbei wird mittels national-kultureller Bezugnahme ein Kollektiv zurechtgestutzt, welches sich an den schwer definierbaren »Werten des christlichen Abendlandes« orientiert. Dieses Kollektiv wird gegen die »strangulierende Ideologie des Marxismus-Leninismus« einerseits, und »menschenfeindlichen Ideologien wie den verqueren Genderismus« andererseits in Stellung gebracht.

Die AfD wirft – gänzlich frei von Argumenten – mit starken Begriffen um sich und will sich damit als Repräsentantin der ›kleinen Leute‹ darstellen. Eine sich selbst entlarvende Strategie, schaut man sich das Demokratieverständnis und die Wirtschaftspolitik der Partei an. Beides wirkt eher wie ein Klassenkampf von oben, als eine Interessenvertretung einer ›Volkspartei‹. Denn der Partei geht es nicht um ökonomische Gerechtigkeit, sondern um Identität. Genauer: Einer deutschen Identität, die als untrennbar mit der nationalen Herkunft verstanden wird. Deshalb wird »Sprache, politische Geschichte, geistiges Erbe« und anderes als unterstützenswert angesehen und Staatsbürgerschaft als »Herzensangelegenheit« verstanden.

Die AfD versucht, sich momentan deutlich von offenen »rechtsextremistischen« Übernahmeversuchen abzugrenzen. Denn nur so kann sie gewährleisten, weiterhin als wählbare Alternative zu erscheinen. Zwar mag es uns in Einzelfällen gelingen aufzuzeigen, welche Verbindungen einzelne AfD-Mitglieder in die organisierte rechte Szene haben und hatten, aber dennoch stellt die AfD uns mitsamt dem »klassischen« Arsenal der Antifapolitik vor große Herausforderungen.

Antifaschistische Bündnisarbeit

Die Koordinatensysteme antifaschistischer Arbeit haben sich seit dem »Antifasommer 2000« nachhaltig verschoben, die Antifabewegung hat darauf noch keine schlüssige Antwort geben können. Einerseits haben sich die politischen Rahmenbedingungen antifaschistischer und antirassistischer Arbeit verbessert, weil seitdem die »Bekämpfung des Rechtsextremismus« zur offiziellen Staatsdoktrin wurde. Dies wurde an vielen Orten von zivilgesellschaftlichen und antifaschistischen Initiativen genutzt, um den offenen Straßenterror der Neonazis zurückzudrängen.

Dies ergab eine Bündnisarbeit mit Gewerkschaften, Parteien, migrantischen Organisationen, religiösen Gemeinden, Bürgerinitiativen und anderen gesellschaftlichen Gruppen. Ausgangsüberlegung war die Annahme, dass es trotz aller Widersprüche auch punktuell gemeinsame Interessen mit diesen Gruppen geben kann. Die Bündnisarbeit ist eine Gratwanderung, die von den spezifischen lokalen Bedingungen in der jeweiligen Stadt und einem hohen Maß an Pragmatismus ermöglicht wird. Die Grenzen dieses Vorgehens zeichnen sich in der Frage ab, ob es uns gelingt Handlungsräume für die radikale Linke zu erweitern und tatsächlich gesellschaftlich zu intervenieren oder aber selber über den Tisch gezogen zu werden und im Bündnis unter zu gehen.

Neben der Absicht, die Möglichkeiten antifaschistischen Widerstandes gegen diesen oder jenen Neonaziaufmarsch zu verbessern, sollte es Ziel sein, BündnispartnerInnen, die zugleich auch RepräsentantInnen der »gesellschaftlichen Mitte« sein können, mit den Konsequenzen ihrer eigenen Politik zu konfrontieren und diese in Frage zu stellen. Beispielsweise zur inneren Sicherheit, die ihren Ausdruck in Überwachungsgesellschaft und Polizeigewalt findet oder zum staatlichen Rassismus, der Flüchtlinge unter anderen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt und daran hindert sich politisch zu betätigen. Das Bündnis soll somit nicht nur gesellschaftlich eingreifen, sondern ist auch selbst Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

Andererseits sind durch diese Entwicklung der Bündnisarbeit wichtige Aufgabenfelder der Antifaszene abhanden gekommen und auf »zivilgesellschaftlichen« Einrichtungen, wie das ausfinanzierte Mobile Beratungs Team (MBT), übergegangen. Fundierte Einblicke in die Neonaziszene, ihr Umfeld und ihre politischen Strategien ist seitdem kein Alleinstellungsmerkmal der autonomen Antifa, sondern auch über öffentlich geförderte Stellen beziehbar. Gleichzeitig versuchte die CDU-FDP-Regierung mit der »Extremismusklausel« die Legitimität antifaschistischer Politik anzugreifen und die Trennung zwischen »Linksextremisten« und »demokratischen Initiativen« zu forcieren.
Als subkulturell präsente Szene und punktuell mobilisierungsfähige Bewegung funktioniert Antifa immer noch. In den Mühen der Ebenen der Alltagsarbeit zeigen sich jedoch deutlich Verschleißerscheinungen. Überregional relevante Demos und Blockaden werden von relativ wenigen Aktivist_innen organisiert, politisch handlungsfähig sind wenige Gruppen. Das auffällige Schweigen vieler Linker zu den NSU-Morden und die weitgehende Abstinenz der »Antifa« in der Debatte illustrieren diesen Zustand.

Die »richtige« Praxis

Wer sich als AntifaschistIn versteht, muss zuerst den Gegenstand seines Antifaschismus klären. Weil Faschismus ohne Gesellschaft weder theoretisch denkbar, noch in der Praxis möglich ist, muss für eine Faschismusanalyse von einem kritischen Begriff der bürgerlichen Gesellschaft ausgegangen werden. Daraus ergeben sich sachliche Gründe, auch gegen Neonazis vorzugehen, sowie Kriterien für eine Praxis, die auf dieser sachlichen Grundlage funktioniert.

Es sollte mit einer Bildung und Aneignung der Theorie begonnen werden, die einem nicht einfach zufällt, sondern überlegt und systematisiert werden will. Das kann nicht das Geschäft von Theoriegruppen sein – denn einerseits ist das Üben von Kritik und Praktizieren der Diskussion selbst eine praktische Angelegenheit; andererseits kommt um diese Angelegenheit nicht herum, wer die richtige Theorie einer falschen Praxis vorzieht. Schon die Selbstbezeichnung als »praktisch arbeitende Antifagruppe« weist aber auf eine Trennung hin, die Inhalte als Beigaben versteht und sich jeden weiteren Schritt lieber vom politischen Gegner vorschlagen lässt.

Wer dem trotzdem folgt, bezieht sich auf die mobilisierten MitstreiterInnen nicht als GenossInnen, mit denen über politische Grundlagen zu sprechen wäre, sondern als Manövriermasse, von der man annimmt, dass sie für buchstäblich »jeden Scheiß« zu haben ist. Damit stiftet man keine politische Bewegung, sondern eine Szene; man fördert nicht Erkenntnis und Kritik, sondern gewaltgeladenen Lifestyle und Subkulturbespaßung. Dagegen ist es Anliegen eines aufklärerischen Anspruchs, der Entpolitisierung in den eigenen Reihen entgegenzuwirken. Das steht vor allem dann an, wenn ein antifaschistischer Minimalkonsens (»gegen Nazis«) zur dominierenden Handlungsgrundlage wird.
Was unter solchen Bedingungen noch als Diskussionsinhalt aufgegriffen wird, ist häufig ein Theorie-Ersatz aus Gewissheiten und konditionierten Parolen. Wer seine politische Arbeit auf die Effektivierung der bestehenden Praxis ausrichtet, spielt immer wieder Strategie und Taktik gegen Kritik und Theorie aus; dafür reicht es tatsächlich, mit einer geringeres-Übel-Rhetorik die Gefährlichkeit der Neonazis durch den Vergleich mit demokratischen Normen zu belegen. Die linksradikalen Ursprünge solcher Antifapraxis sind noch durch Symbole, Parolen und Kapuzenuniformierung kenntlich – abseits davon ist alles abgestellt auf die Einnahme einer Rolle als alternativer Politikberater.

Der aktionistische Versuch, mittels »Interventionen« radikale Forderungen in der Gesellschaft umzusetzen, ist schließlich die folgerichtige verbalradikale Überschätzung der tatsächlichen Wirkmächtigkeit – und zugleich Indiz für die Opportunität und Anschlussfähigkeit nicht einer Gesellschaftskritik, sondern eines Feindbildes: So, wie ab 2000 ein »Ruck« gegen Neonazis durchs Land ging, weil das »Naziproblem« medienwirksam skandalisiert werden konnte, fiel keine zehn Jahre voher das Asylgesetz, nachdem Neonazis und andere Deutsche durch ihre militante Intervention ein »Ausländerproblem« auf die realpolitische Tagesordnung brachten. Aber in keinem der beiden Fälle ist das Resultat ein faschistisches oder antifaschistisches. Die Masse auf der Straße – so radikal, entschlossen und verhetzt sie sein mag – gab jeweils nicht das Startsignal für einen radikalen Wandel, sondern für eine Systemoptimierung.

Obwohl das augenscheinlich ist, lesen sich die Debattenbeiträge einiger Gruppen zum Thema Antifapolitik wie routinierte Rechenschaftsberichte bezüglich der eingeübten Aufgabe, die Fortexistenz von Neonazis in der Gesellschaft zu skandalisieren. Radikal wäre das frühestens dann, wenn als Skandal die Gesellschaft ausgemacht wird, die selbst im demokratischen Normalbetrieb nationalistische Ideologie und kapitalistische Schädigungen hervorbringt; die faschistische Option ist der Durchsetzung sozialer Härten dabei immanent. Revolutionär ist daher nicht der Antifaschismus, sondern »die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.«

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s