Es waren so anständige Leute: Marie Hübners Einsatz für Angehörige der „Roten Kapelle“

Marie Hübner wurde am 13. Mai 1903 in oder um Liegnitz in Schlesien geboren. Schon als Kind verlor sie ihre Eltern. Ihr Vater verunglückte vor ihrer Geburt in einer Gießerei, ihre Mutter starb einige Jahre später an „galoppierender Schwindsucht“, die sie sich als Arbeiterin in der selben Gießerei geholt hatte. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie erwerbstätig sein, da es damals noch keine Witwenrente gab.

Marie wuchs bei ihren Großeltern auf. Der Großvater arbeitete als „Vogt“ auf einer königlichen Domäne. „Ich hatte eine schöne Kindheit, trotzdem ich ein Waisenkind war.“ Nach der Volksschule „vermietete“ die Großmutter Marie zur Ausbildung an eine „Spielschule“, also an einen Kindergarten, der von Diakonissinnen betrieben wurde. Später sagte sie, das sei die schlimmste Zeit ihrer Jugend gewesen. „Ich war ein kleiner Rebell. Wenn es hieß zur Andacht, hatte ich immer zu tun. Ich konnte das nicht leiden, diese Scheinheiligkeit.“ Marie wechselte als Hilfe in den Haushalt eines älteren Ehepaares in Liegnitz „meine angenehmste Stellung“.

„Liegnitz wurde mir zu klein. Ich ging nach Berlin.“ Hier arbeitete sie als Haushaltshilfe in verschiedenen bürgerlichen Haushalten. Sie heiratete den Schlosser Wilhelm Hübner, in den sie sich „eigentlich gar nicht verliebt“ hatte. Verliebt hatte sie sich in seine „wunderhübschen braunen gütigen Augen“. Die gegen Ende der 20er Jahre auch in Berlin stärker werdende Nazibewegung lehnten die Hübners von Anfang an ab. Im Haushalt einer Frau Tilsiter lernte sie Erika Schönfeldt kennen, die spätere Erika von Brockdorff. Im Laufe der Zeit wurden die beiden Frauen enge Freundinnen. Der Kunststudent Cay von Brockdorff, Erikas Mann, malte in der HdK die nackte Marie, „die mussten das ja lernen.“

Nach der Verhaftung von Erika von Brockdorff hat sich Marie hartnäckig und unter hohem Risiko um ihre Freundin gekümmert. Sie konnte einige Angehörige der „Roten Kapelle“ warnen. „Es waren so anständige Leute. Ich musste ihnen helfen“, sagte sie später. Diese Hilfe mit ihren Begleitumständen wird das Thema des Abends sein.

Erika von Brockdorff wurde am 13. Mai 1943, also am 40. Geburtstag von Marie, in Plötzensee hingerichtet. Cay überlebte in einem Strafbataillon. Nach der Befreiung heiratete er die Widerstandskämpferin Eva Lippold. Marie Hübner war Trauzeugin.

Zu ihrem 95. Geburtstag lud Frau Hübner alle Bewohner des Hauses, das sie Jahrzehnte lang als Hausmeisterin betreut hatte, in ein Schöneberger  Lokal. Den von uns engagierten Leierkastenmann verabschiedete sie mit den Worten: „Das haben Sie schön gemacht. Wenn Sie brav sind, dürfen Sie in fünf Jahren wieder kommen.“

Im Februar 2001, im Alter von 97 Jahren, blieb das Herz von Marie  Hübner auf ihrem Heimweg von einem Einkauf unwiderruflich stehen. Es leben noch viele Menschen, die sie nie vergessen werden.

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