#ohlauer Pressemitteilung zur Situation der Romafamilien der Gerhart-Hauptmann-Schule

„Wir fühlen uns hier wie im Gefängnis.“
„Wir sind hier mitten im Wald.“
„Wir fühlen uns absolut isoliert und verloren.“
„Wie sollen unsere Kinder von hier aus in ihre Schulen in Kreuzberg kommen?“

Statements der Romafamilien nachdem sie am 24.6.2014, dem Tag des Polizeieinsatzes zur „freiwilligen Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule“, per Bus in ein Erstaufnahmelager für Asylbewerber in Hohengatow gebracht wurden.
Ihre anfängliche Hoffnung auf eine Unterkunft wandelte sich innerhalb von Stunden in Verzweiflung über ihre isolierte Situation in Hohengatow.

Die Romafamilien waren am Morgen des besagten Tages, ebenso wie alle anderen Bewohner_innen der Gerhart-Hauptmann-Schule, davon überrascht worden, dass ab zirka 10:00 Uhrdie Zugänge zum Gebäude von der Polizei weiträumig abgesperrt wurden. Im Vorfeld der drohenden Räumung hatten die Familien keinerlei Informationen über die sie betreffenden Pläne des Bezirksamts erhalten. Mehrere Kinder befanden sich zu diesem Zeitpunkt in ihren jeweiligen Kreuzberger Schulen. Bei ihrer Rückkehr wurden sie mit Hilfe ihrer Lehrer_innen erst nach mehreren Stunden durch die Polizeiabsperrungen zu ihren Eltern gelassen.

Nach eigenen Angaben wurden die Familien aufgefordert, das Gebäude zu verlassen und sich mit wenig Gepäck zu den für sie bereitgestellten Bussen zu begeben. Die Busse fuhren los, ohne dass ihnen mitgeteilt wurde, wohin sie gebracht werden sollten. Mitarbeiter_innen des Bezirksamtes sagten ihnen nur, es handele sich um eine kurzfristige Unterkunft. Ihr Hab und Gut, das sie nicht tragen konnten, mussten sie in ihrer Etage in der Schule bzw. auf der Straße zurücklassen. Einige Personen wurden daran gehindert, in die Busse einzusteigen, da sie sich nicht „auf der Liste“ des Bezirksamtes befänden. Andere, die „auf der Liste“ waren, sich aber zumZeitpunkt der Räumung zufälligerweise nicht in der Schule aufhielten, leben weiterhin im Görlitzer Park.
Die Familien wurden also, anders als vom Bezirksamt der Presse gegenüber dargestellt, nicht „in der Nähe der Schule“, sondern am äußersten Rand von Berlin in ein Erstaufnahmelager für Asylbewerber in Hohengatow untergebracht. Es handelt sich bei diesem genau um die Art von „Lager“, gegen die sich der Protest der Geflüchteten am Oranienplatz und in der Gerhart-Hauptmann-Schule richtet.

Die Fahrt nach Kreuzberg dauert von dort mehr als eine Stunde. In den ersten Tagen wurde es den Familien von der Heimleitung der AWO untersagt, auf dem Gelände Besuch zu empfangen.

Da die Romafamilien im Gegensatz zu Asylbewerber_innen nicht unter das ohnehin umstrittene Asylbewerberleistungsgesetz fallen, bekommen sie kein Geld, sondern ausschließlich Verpflegung. Eine bedarfsgerechte Ernährung für beispielsweise Diabetiker oder Schwangere ist nicht gewährleistet. Ebenso ist es ihnen unmöglich, sich aus eigenen Mitteln BVG-Tickets zu kaufen. Rahmenbedingungen für Ämter- und Behördengänge (Übersetzer_innen, Anwält_innen, Beratung sowie finanzielle Mittel) fehlen ebenso. Daher können sie nicht mehr eigenständig und selbstbestimmt für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Nach wie vor erhalten die Familien von der Heimleitung und vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg keinerlei Auskunft darüber, was weiter mit ihnen passieren soll. Festzuhalten ist ferner, dass der Bezirk sie zwar noch nicht in die Obdachlosigkeit gezwungen hat, sie stattdessen jedoch in einem Erstaufnahmelager für Asylbewerber untergebracht hat, das für sie als EU-Bürger_innen nicht zuständig ist. Die Unterbringung in einem Lager widerspricht zudem dem Programm der Grünen Partei sowie der Linkspartei.

Unter diesen Umständen besteht für die Romafamilien trotz des Erhalts der formalen Freizügigkeit faktisch keine Möglichkeit, diese wahrzunehmen,sich also aus den Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Die Situation der Familien aus der GHS ist nur der Kristallisationspunkt einer problematischen Situation in Berlin. Die angespannte Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt und die Diskriminierung von Zuwandererfamilien führt dazu, dass viele Familien in Autos, Gartenlauben, verlassenen Häusern oder Parks übernachten müssen. Es gibt generell viel zu wenige und überhaupt keine familiengerechten Notübernachtungen.

Unterbringungsmöglichkeiten bestehen in den meisten Bezirken erst, wenn die Familien Sozialleistungen beziehen. Wie sich die Obdachlosigkeit auf die Gesundheit der Betroffenen und das Wohl der betroffenen Kinder auswirkt, wird dabei völlig außer Acht gelassen.

Wir solidarisieren uns mit den Forderungen der Geflüchteten in der Gerhart-Hauptmann-Schule und fordern vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und den Landesbehörden, den Familien eine menschenwürdige, selbstbestimmte Wohnsituation zu ermöglichen. Dies bedeutet, eine Rückkehr der Familien in ihr gewohntes soziales Umfeld zu garantieren.
Gleichzeitig fordern wir, dass die Wohnungslosigkeit von Familien als sozialpolitisches Problem anerkannt und generelle Lösungen zum Wohle der betroffenen Familien gefunden werden!
Schluss mit Rassismus, Antiziganismus und Diskriminierung von Sinti und Roma!
Die Romafamilien und einige Unterstützer_innen
Pressekontakt:
roma-unterstuetzung@web.de

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3 Gedanken zu “#ohlauer Pressemitteilung zur Situation der Romafamilien der Gerhart-Hauptmann-Schule

  1. #ohlauer press release on the situation of the Roma families from the Gerhart-Hauptmann-Schule
    „We feel like in prison here“
    “We are in the middle of the forest”
    “We feel absolutely isolated and lost”
    “How are our children supposed to go to school in Kreuzberg from here?”
    Statements by the Roma families, after they left on 24th of June 2014, because of the police operation for the “voluntary eviction of the Gerhart-Hauptmann-Schule”, and after they have been brought by bus to a first-admission-facility (“Erstaufnahmelager”) for refugees in Hohengatow.
    The Roma families have been surprised, like every other resident of the Gerhart-Hauptmann-Schule, by the fact that from 10.00 am in the morning every entry into the building was blocked on a wide scale by the police. There was no information ahead of the eviction regarding the plans by the district for the families. A number of kids were at this time in their respective schools in Kreuzberg. When coming home from school, they could return to their parents only after teachers helped them for hours to get through the police blockade.
    The families stated that they were demanded to leave the building and were supposed to go to the prepared busses with little luggage. The busses drove away without anyone telling them where they would be heading. Staff from the district told them only that it would be a short temporary accommodation. Any possessions they could not carry, they had to leave inside the school or just on the streets. Some persons were stopped from entering the busses because they were not “on the list” of the district. Others, who were “on the list”, but happened not to be inside the school during the eviction, are still living inside Görlitzer Park.
    The families have thus, contrary to the statement by the district to the press, not been housed “close to the school”, but rather been brought to the farthest outskirts of the city in Hohengatow. This is exactly the kind of “Lager”, against which the protest by the refugees at Oranienplatz and inside the Gerhart-Hauptmann-Schule is directed.
    Traveling there from Kreuzberg takes over an hour. During the first days, the families were forbidden by the administration of the AWO-Lager to receive guests.
    Since Roma families, contrary to asylum seekers, are not regarded under the controversial asylum-seeker-benefit-law (“Asylbewerberleistungsgesetz”), they do not receive money, instead they only receive provisions. Special food for diabetics or pregnant women is not cared for. They are not able, through their own resources, to buy BVG-tickets. Structural care to go to governmental offices (translators, lawyers, counseling as well as financial aid) is missing as well. This means that they cannot care independently and self-determined for their livelihood.
    Up until now the families are still not receiving any information by the Lager administration or the district Friedrichshain-Kreuzberg about what is supposed to happen with them. Further it needs to be emphasized that the district might not have forced them into homelessness, but instead brought them into a first-admission-facility for refugees, which is not responsible for them as EU-citizens. Additionally, this kind of accommodation is contradictory to the program of the Green Party as well as the Left Party.
    Under this kind of circumstances there is for the Roma families, even though they still retain their formal freedom of movement, no possibility to make use of it, thus free themselves of the structures of dependency und live a self-determined life.
    The situation of the families from the GHS is only the crystallization point of a problematic situation in Berlin. The tense situation of Berlin’s housing market and the discrimination of immigration families leads to many families sleeping in cars, garden summer houses, vacated buildings or parks. Generally much too few, up to none at all, family emergency housing exists.
    Possibilities for accommodation in the districts are created only once those families receive social aid. No attention is being paid to the consequences of homelessness regarding the health of those affected and the well-being of the affected children.
    We stand in solidarity with the demands of the refugees in the Gerhart-Hauptmann-Schule and demand from the district Friedrichshain-Kreuzberg and the state authorities to provide the families with the possibility of a self-determined living situation worthy of human beings. This means guaranteeing a return to the social surroundings they are used to.
    Additionally we demand, that homelessness of families is recognized as a socio-political problem and that general solutions to the benefit of the affected families are found!
    To an end with racism, Antiziganism, and the discrimination of Sinti and Roma!
    The Roma families and some of their supporters
    Press contact:
    roma-unterstuetzung@web.de
    (translation: Wedekamp)

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