Zum 105 Geburtstag von Lilo Herrmann

Am 23. Juni 1909 wurde Liselotte Herrmann in Berlin-Friedrichshain, Petersburger Straße 177, in einer fortschrittlichen bürgerlichen Ingenieursfamilie geboren. Die naturwissenschaftlich interessierte junge Frau begann 1929 ein Chemiestudium in Stuttgart und wechselte nach vier Semestern 1931 zum Biologiestudium an die Friedrich-Wilhelm-Universität (heute: Humboldt-Universität) nach Berlin, von der sie 1933 aus politischen Gründen relegiert wurde.

Bereits als Schülerin hatte sie sich mit sozialistischen Ideen vertraut gemacht, setzte als Studentin ihr politisches Engagement fort. Sie wurde Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und 1931 in der KPD. Nach Gestapoakten war sie damals „als rührige Kommunistin aktenmäßig bekannt. Sie hat sich … durch Plakatankleben, Broschürenverkauf und andere Propaganda rege betätigt. Dabei hat sie öfters ein freches und anmaßendes Benehmen an den Tag gelegt.“

Nach dem Ausschluss vom Studium verdiente sie ihren Lebensunterhalt in Berlin als Kindermädchen und setzte ihre politischen Aktivitäten im illegalen Widerstand der Kommunistischen Partei fort. Im Mai 1934 wurde ihr Sohn Walter geboren, mit dem sie im September nach Stuttgart zu ihren Eltern zog. Den Namen seines Vaters behielt sie für sich.

Als Stenotypistin im Büro ihres Vaters tätig, fand sie vor Ort erneut Kontakt zur illegalen KPD und übernahm die Aufgabe, Beweise für die heimlichen Kriegsvorbereitungen Hitlerdeutschlands zur Veröffentlichung in die Schweiz zu bringen. Als Lilo Herrmann durch Hinweise von Polizeispitzeln am 7. Dezember 1935 verhaftet wurde, fand die Gestapo in der Wohnung der ahnungslosen Eltern den dort versteckten Plan einer unterirdischen Munitions-fabrik. Eineinhalb Jahre später fand der Prozess statt. Am 12. Juni 1937 wurde sie durch den berüchtigten „Volksgerichtshof“, gegen dessen Urteile keine Berufung möglich war, wegen „Landesverrat in Tateinheit mit Vorbereitung zum Hochverrat“ zusammen mit ihren Kampf-gefährten Arthur Göritz, Stefan Lovasz und Josef Steidle zum Tode verurteilt.

Noch bis kurz vor die Vollstreckung des Todesurteils setzte die Gestapo die Verhöre fort, um weitere Einzelheiten zu erfahren. Aus den Akten geht hervor, dass Liselotte Herrmann während der ganzen Zeit standhaft geblieben war, niemanden belastet und nichts preisgegeben hatte.

Eine Protest- und Solidaritätskampagne aus verschiedenen europäischen Ländern versuchte, die Hinrichtung zu verhindern. Es war der erste bekannt gewordene Fall eines Todesurteils wegen politischen Widerstandes in Deutschland gegen eine Frau und junge Mutter.

Am 20. Juni 1938, nur wenige Tage vor ihrem 29. Geburtstag, starb Liselotte Herrmann unter dem Fallbeil in Berlin-Plötzensee.

In Hitlerdeutschland Hingerichtete sollten kein Grab erhalten: Ihre Leichen wurden der Anatomie übergeben, nichts sollte mehr an sie erinnern.

Im Prenzlauer Berg wurde Liselotte Herrmann am 4. September 1974 mit einem Straßennamen geehrt und damit die Erinnerung an sie bewahrt.

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