Reise der Erinnerung – Eine deutsche Jugenddelegation nimmt an den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Aufstands im Vernichtungslager Sobibór teil. Eine Teilnehmer_innenbericht

20131015_0141Aus verschiedensten Städten Deutschlands nahmen Mitte Oktober mehrere Jugendliche auf Einladung des Vereins „Zug der Erinnerung“ an einer besonderen Gedenkstättenfahrt teil. Ganz im Osten Polens, etwa 30 km östlich von Lublin wollten sie als deutsche Delegation an den Feierlichkeiten zu Ehren der Opfer und des Aufstand im NS-Vernichtungslager Sobibór teilnehmen. Als aktives Mitglied des Vereins Utopia e.V. aus Frankfurt (Oder) nahm ich mit zwei Freunden an dieser besonderen fahrt teil.

Unsere Reise startete nach einem zweitägigen Vorbereitungstreffen in Berlin pünktlich am 11. Oktober um 9.31h vom Berliner Hauptbahnhof. Mit dem Berlin-Warszawa-Espress ging es über Frankfurt (Oder) quer durch wundervolle Landschaften zuerst in die polnische Hauptstadt. Dort erwarteten uns unsere beiden polnischen Begleiter_innen Piotr und Ewa, um mit uns gemeinsam mit dem Bus nach Lublin zufahren. Auf der fast zehnstündigen Reise lernten sich alle Reiseteilnehmer_innen genauer kennen. Im Austausch mit den anderen erfuhren wir von engagierten Projekte, die sich für die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger_innen einsetzen und zur aktiven Gedenkkultur in ihren Heimatstädten beitragen. In Lublin angekommen blieb nur noch Zeit fürs Abendessen, denn am kommenden Morgen hieß es früh aufstehen.

20131015_0085Am Samstag sollten wir die Stadt Lublin genauer kennen lernen. Als ehemaliges Zentrum jüdischen Lebens in Ostpolen steht sie wie kaum eine andere Stadt für die Geschichte des osteuropäischen Judentums, aber auch als Sitz des Distrikts Lublin im Generalgouvernement zur Zeit der deutschen Besetzung als Ausgangspunkt zahlreicher Deportationen in die Vernichtungs- und Konzentrationslager.

Kurz nachdem Frühstück fuhren wir mit einer Lubliner Reiseführerin ins Zentrum. Bei der etwa dreistündigen Führung erklärte sie uns die Geschichte der Stadt, zeigte uns das ehemalige Schloss, welche im Zweiten Weltkrieg u. a. Als Foltergefängnis der Gestapo genutzt wurden und führte uns anschließend in die Altstadt, wo sie auf das ehemalige jüdische Waisenhaus und späteren Sitz des Judenrats während der Ghettoisierung hinwies. Wie üblich in Polen und besonders für Lublin als Bischofssitz wichtig durften die katholischen Sehenswürdigkeiten auf dem Stadtrundgang nicht fehlen. Für mich interessant waren jedoch die jüdischen Zeugnisse der Stadt. Vereinzelt fanden sich mehrsprachige Tafeln an den alten Häusern, die auf ihre früheren Bewohner_innen hinwiesen. Besonders beeindruckend waren dabei großformatige Fotos ehemaliger Einwohner_innen die sich direkt in den Fenstern ihrer letzten Wohnstätten befanden. Dennoch blieb nur wenig übrig vom ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt. Wie üblich für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik wurden die Häuser nach dem Auflösung des Ghettos abgerissen. Was tatsächlich noch zu finden war, musste man in den Nebenstraßen oder ausserhalb des Zentrums suchen. Zu meiner Spurensuche aber später mehr. Nach Abschluss des Stadtrundgang stärkten wir uns in einem, vor allem für Tourist_innen eingerichteten jüdischen Restaurant mit Hummus und Brot.

20131015_0106Anschließend führte uns die Reise zu unserem wichtigsten Ziel an diesem Tag. Das ehemalige Konzentrationslager Majdanek. Schon von weitem kündigt sich dieses riesige, etwa 270 Hektar große Areal an. Am Eingang befindet sich ein riesiges Denkmal, welches 1969 vom polnischen Künstler Wiktor Tołkin entworfen wurde und an ein Lagertor erinnern soll. Hier waren einst zehntausende Menschen interniert. 78.000 überlebten das Lager nicht. 59.000 von ihnen waren Juden und Jüdinnen. Hier erwartete uns Ewa Babol, die uns durch die Gedenkstätte führen sollte.

Um allen Teilnehmer_innen die Möglichkeit zu geben den Ort für sich selber erfahrbar zu machen, erhielten wir nach einer kurzen Führung Zeitzeug_innenberichte, die sich jeweils auf einen konkreten Ort auf dem Lagergelände bezogen. Die Erkundung dieser Orte durch Erzählungen von Überlebenden hat noch einmal eine ganz andere Aussagekraft als eine gewöhnliche Führung. Sie macht einen noch viel mehr Angst, wenn man die Geschichten erfährt die hinter Block H stecken oder eine gewöhnliche Wiese nicht mehr als Wiese erscheinen lässt.

Zum Abschluss zeigte uns Ewa das Krematorium und die sich anschließenden Gräben, an denen in den letzten Tagen vor der Befreiung nochmals hunderte Menschen ermordet wurden. Die Größe des sich daneben befindlichen Mausoleums, welches bis oben mit Asche gefühlt ist, wirkte noch erdrückender als das der Ort es nicht schon genug war. Das Gefühl verstärkte sich zusätzlich durch das graue nasskalte Wetter.

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Auch wenn ich schon viele Gedenkstätten besucht habe und mich intensiv mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust auseinandergesetzt habe, ist es immer wieder erschrecket die Einzelheiten direkt vor Ort zu erfahren. Es ist einklemmendes Gefühl in einem Raum zu stehen, in denen die Wände durch Zyklon B blau gefärbt sind. Auch wenn strittig ist, ob überhaupt dieses für die Ermordung in diesem Lager eingesetzt wurde oder nicht doch Kohlenmonoxid, weißt du ganz genau hier wurden Menschen getötet, vergast. Die Vorstellung lässt einen schaudern, sie macht einen Angst! Auch wenn alles so unglaublich weit weg erscheint wirkt es hier in diesen Räumen so unglaublich nah. Und dabei ist unstrittig klar, dass du niemals das Gefühl empfinden kannst, was die Häftlinge hier verspürten.

Nach diesen Eindrücken von soviel Tod, wollte ich etwas über das Leben erfahren. Also trennte ich mich nach unserem Besuch in der Gedenkstätte von der Gruppe und machte mich auf die Suche nach Zeugnissen jüdischen Lebens in der Stadt. Auch wenn es paradox klingen mag, so war einer dieser Orte der alte sowie neue jüdische Friedhof. Auch wenn hier der Tod elementar ist, so geschah er hier doch friedlich und mit Würde. Viele Grabstellen wirkten ungepflegt. Es wirkte so als wäre lange niemand hier gewesen. Doch das ein oder andere Grablicht schienen doch vom Gegenteil zu zeugen. Ich begab mich weiter von der Stadt entfernt und suchte die Chachmei Lublin Jeschiwa. Die von Jehuda Mair Schapira 1930 gegründete jüdische Schule war einst die größte der Welt. Sie ist wohl das wohl beeindruckste noch erhaltene Gebäude einer großen jüdischen Gemeinde, die mit über 40.000 Mitglieder nahezu 40% der damaligen Bevölkerung Lublins ausmachte. Kaum durch den Krieg beschädigt wurde das Gebäude 2007 der jüdischen Gemeinde zurück gegeben. Heute befindet sich neben einem kleinen Museum und einer Synagoge ein Hotel darin. Leider war mir die Besichtigung an diesem Tage nicht mehr möglich. Auf meiner Suche nach der letzten erhaltenden Synagoge wurde ich indes enttäuscht. Nach mehrmaligen umkreisen eines Hauskomplexes fand ich eine kleine Tafel. Sonst schien kaum etwas darauf zu schließen, dass hier einst Gläubige zu Gebet gingen.
Nach diesem anstrengenden Tag ging es zurück zum Hotel.

Der Sonntag sollte uns z20131015_0013uerst ins „Padua des Nordens“ führen. So wird Zamość genannt, weil die Stadt nach den Vorstellungen ihres Stadtgründers Jan Zamoyski durch den venezianischen Baumeister Bernardo Morando im 16. Jahrhundert errichtet wurde. Gleich zu Beginn trafen wir uns mit einem Zeitzeugen, der von der Vertreibung seiner Familie und der polnischen Zivilbevölkerung berichtete. Nach Himmlers Plänen sollte die während der Besatzung nach ihm benannte Stadt gemanisiert werden. Im Anschluss führte uns der Freundeskreis „Padua des Nordens“ durch die Stadt. Nach einem kurzem Empfang durch den Stadtpräsidenten im Rathaus gab es Piroggen im angrenzenden Ratskeller. So sehr mir die polnische Küche, trotz ihres großen Fleischgehalts und meiner Einstellung zu tierischen Produkten, mundet wollte ich mehr von der Stadt erfahren. Vor allem vom jüdischen Leben. So zog es mich und einige andere von unserer Reisegruppe nach Synagoge. Vor wenigen Jahren aufwändig restauriert, wirkte sie fast lebendig. Doch in der Synagoge eine große Leere. Der Thoraschrein kaum sichtbar. Keine Bänke, kein Bima (Lesepult). Was vom jüdischen Leben in der Stadt blieb ist die Fassade, das Gebäude. Das für eine jüdische Gemeinde wichtigste, die Mitglieder, die die Synagoge belebten existieren nicht mehr. Die Einrichtungsgegenstände also überflüssig. Der große leere Raum verdeutlicht diesen Verlust.

Auf unserer Rückreise nach Lublin machten wir einen Stopp in Izbica. In diesem kleine Ort, dessen Einwohner_innen bis zum Holocaust bis zu 90% jüdisch waren, befand sich zur Zeit der Besatzung ein wichtiges Durchgangsghetto, vor allem für Juden und Jüdinnen aus Westeuropa. Hier gab es nur noch eine Richtung und diese führte nach Sobibór und Belzec, direkt in den Tod. Ewa Babol führte uns auch hier durch den Ort und zeigte uns die Stelle an dem sich einst das Haus von Thomas „Toivi“ Blatt befand. Er war einer der Aufständigen, die am 14. Oktober 1943 aus dem Vernichtungslager Sobibór fielen konnte. Zu ihm aber später noch mehr. Unweit von seinem ehemaligen Wohnhaus befand sich der Bahnhof. Neben einem kleinen Haltepunkt, der heute noch von Zügen angefahren wird befinden sich immer noch die Gleisanlagen, an denen einst die Deportierten ankamen oder von hier aus in die Vernichtungslager geschickt wurden. Etwas weiter im Ortsinneren besuchten wir eines der wenigen Spuren von ehemaligen jüdischen Leben in dieser kleinen Stadt. Den alten Jüdischen Friedhof. Versteckt hinter Einfamilienhäuser und kaum ausgeschildert stehen wir auf einer kleinen Lichtung. Wenn sieht hier nach einem Friehof aus. Außer einem großen Denkmal, errichtet zur Erinnerung an die Ermordeten scheint hier nichts mehr zu stehen. Doch da ist dieser kleine Schuppen. Vom ersten Blick an wirkt dieser wie eine einfache Garage. Erst beim zweiten Blick fällt einen auf, dass die Wände mit alten Grabsteinen verziert ist. Auf diesen hebräische Schrift. Im Inneren befindet sich dann auch ein Grab. Von Anhänger_innen einer chassidischen Gemeinschaft errichtet an einen ehrenwerten Zaddik, der hier begraben liegt. Etwas weiter in den Wald hinein fallen zwei weitere Gräber auf. Eins jedoch, so erfahren wir ist noch nicht belegt. Es ist einem christlichen Geistlichen vorgehalten, der hier nach seinem Tod mit seiner Familie wiedervereinigt werden will. Als Kind überlebte er nur deshalb den Holocaust, weil er von einer katholischen Familie aufgenommen und als ihr Kind ausgegeben wurde. Später nahm er auch ihren Glauben an, vergas aber niemals sein Wurzeln. Wieder eine kleine Überlebensgeschichte aus einer Zeit als es für Juden und Jüdinnen nur den Tod gab.

Der letzte volle Tag unserer Gedenkstättenreise. Es ist Montag, der 14. Oktober. Viele warten bereits in der Hotellobby auf unsere Abfahrt. Es geht nach Sobibór, zum Ort des ehemaligen Vernichtungslagers. Für diesen Anlass haben wir uns die letzten beiden Abende zusammengesetzt und geplant wie wir dort auftreten wollen. Wir wollten in Würde an die Opfer gedenken, aber auch auf die Missstände der deutschen Erinnerungspolitik aufmerksam machen. Also bastelten wir mehrere große Schilder. Darauf Fotos sowie die Namen und Sterbedaten von ausgewählten deutsche Juden und Jüdinnen, die hier vor 70 Jahren starben. Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichten wir den kleinen Ort. Überall waren Reisebusse zu sehen. Darin vor allem israelische Jugendliche, die ebenfalls an den Gedenkfeierlichkeiten teilnahmen. So zogen wir zusammen mit hundert anderen Jugendlichen zu den Gedenkfeierlichkeiten. Viel Prominenz aus der Politik war da. Doch die wichtigsten Personen waren zweifelsohne die drei Überlebenden: Jules Schlevis, Thomas Blatt und Filip Bialowitz. Letztere beide waren direkt am Aufstand beteiligt und wendeten sich mit ihren Reden vor allem an die Jugendlichen, die ihr Erbe weiter bewahren sollen, damit die Verbrechen, aber auch den Widerstand dagegen niemals in Vergessenheit geraten sollen.

Mit diesem Versprechen fuhren wir am darauf folgenden Tag zurück nach Deutschland. Für viele war die Reise eine neue Erfahrung. Alle waren sich jedoch einig, dass Erbe anzutreten und dafür zu sorgen, damit niemals wieder Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Religion diskriminiert oder ermordet werden. Dieses Versprechen ist angesichts des wiederaufflammenden Nationalismus in Europa mehr denn je wichtig.

André Wartmann für invia1200

Weitere Fotos zu den Gedenkfeierlichkeiten in Sobibór finden sich hier.

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