Buchkritik: Rassistische Diskriminierung und rechte Gewalt

buch-opferperspektiveAnlässlich des 15. Jahrestages der Opferperspektive, wollten die AktivistInnen ihre Erfahrungen mit vielen WegbegleiterInnn reflektieren und haben das im Buch, „Rassistische Diskriminierung und rechte Gewalt – An der Seite der Betroffenen beraten, informieren, intervenieren“. der Öffentlichkeit zugänglich zu gemacht.

Die Opferperspektive wurde 1998 von antifaschistischen AktivistInnen gegründet, die dem Verharmlosen und Verschweigen von Rechtsextremismus die praktische Solidarität mit den Opfern entgegensetzten. Aus dieser Initiative entstand im Jahr 2000 die erste Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Deutschland. Für seine Pionierarbeit wurde der Verein im Jahr 2000 mit der Carl von Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte und 2003 mit dem Preis »Aktiv für Toleranz und Demokratie« ausgezeichnet.

In vier Abschnitte gliedert sich das Buch: Rassistische Diskriminierung und rechte Gewalt –  An der Seite der Betroffenen beraten, informieren, intervenieren.

Im Abschnitt „rechte Gewalt“, gehen Juliane Lang und Christa Wendt auf die Eruption rechter Gewalt in den Jahren 1989 bis 1993 in Brandenburg ein. Svenna Berger und Christoph Schulze umreißen die Geschichte neonazistischer Organisierung im Land Brandenburg.
Rebecca Forner erzählt über ihre Auseinandersetzung mit dem Thema rechte Gewalt und die Entstehungsgeschichte der Wanderausstellung „Todesopfer rechter Gewalt seit 1990“. Nur wenige Todesopfer werden in den offiziellen Statistiken als Opfer politisch rechts motivierter Kriminalität aufgeführt. Die Auseinandersetzung um ihre offizielle Anerkennung zeichnet Judith Porath in ihrem Beitrag „Das wahre Ausmaß anerkennen – Todesopfer rechter Gewalt im Land Brandenburg nach.

Der Journalist Frank Jansen widmet sich einem konkretem Fall und beschreibt die Langzeitfolgen eines fast tödlich verlaufenen rassistischen Angriffs 1996 in Trebbin. Hagen Ludwig und Jörg Wanke, beide aktiv in der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“, berichten von ihrer Erfahrung, von Nazis Bedroht zu werden. Welche rolle die Politische Motivation bei rechter Gewalt in Ermittlungsverfahren und vor Gericht spielt, beschreibt Nebenklageanwalt Stephan Martin. Anschließend beleuchtet Mark Holzberger die Probleme bei der polizeilichen Erfassung politisch rechts motivierter Straftaten. Tobias Pieper thematisiert die Verschränkung von Alltagsrassismus und rechter Gewalt und stützt sich dabei auf seine Erfahrungen aus der Beratungspraxis.

Im zweiten Abschnitt des Buches wird das Themenfeld rassistische Diskriminierung und Antidiskriminierungsarbeit beleuchtet. Zu Beginn schildern Menschen, welche von Diskriminierung betroffen sind, ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit Rassismus. Kseniya Lakomina vereinte ihre Geschichten in einem Tagebuch des Rassismus. Nadja Hitzel-Abdelhamid beschreibt den Arbeitsansatz der Antidiskriminierungsberatung Brandenburg. Iman Attia analysiert die Begriffe und Funktionen von Rassismus und Diskriminierung und schafft damit eine theoretische Grundlage für die folgenden Beiträge. Birte Weiß und Anne Kobes zeigen die Entwicklung und den stand der Antidiskriminierungspolitik in Deutschland auf. Alexander Klose setzt sich mit dem allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzt auseinander und formuliert Vorschläge für dessen Weiterentwicklung. Die Praxis der Antidiskriminierungarbeit, ihre Interventionsmöglichkeiten und -schwierigkeiten beschreibt Daniel Bartel. Zülfukar Çetin schildert Erfahrungen Betroffener mit antimuslimischem Rassismus. Sebastian Friedrich und johanna Mohrfeld beleuchten institutionellen Rassismus am Beispiel der Polizei. Paul Mecheril und Astride Velho veranschaulichen die Folgen von Rassismus auf die Gesundheit und die Persönlichkeitsentwicklung der Betroffenen und erläutern die Bedeutung von Empowerment.

Im dritten Teil liegt der Schwerpunkt auf dem Arbeitsansatz und dem Konzept der Opferberatung. Gabi Jaschke und Kay Wendel, MitbegründerInnen des Vereins Opferperspektive, blicken auf dessen Anfänge zurück. Auf die Spezifika des Arbeitsansatzes und des Beratungskonzepts geht Judith Porath ein. Gesa Köbberling beschreibt die lokale Intervention, als eine wichtigen Bestandteil in der Beratungsarbeit und ordnet ihn in andere raumbezogene Ansätze der sozialen arbeit ein.

Sibylle Rothkegel erläutert in ihrem Artikel die psychischen folgen rechter Gewalt und deren Verarbeitungsmöglichkeiten. An Fallbeispielen alternativer Jugendlicher aus Thüringen beschreibt Christina Büttner die Unterschiede in der öffentlichen Wahrnehmung von rechter Gewalt. Heike Kleffner benennt den Nachholbedarf in der Beratungsarbeit in den alten Bundesländern. Karin Meinke skizziert in ihrem Beitrag, was bei Bedrohungen von Neonazis konkret getan werden kann.

Im vierten Abschnitt des Buches wird die Perspektive von AkteurInnen und AktivistInnen Feld der politischen Auseinandersetzung in Brandenburg in den Mittelpunkt gestellt. Zu Wort kommen Bethi Ngari, organisiert bei Women in Exile und Eben Chu, aktiv bei Refugees Emancipation. Ivana Domazet sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen mit Rassismus und den kampf für die Rechte von Flüchtlingen in Brandenburg. Christian Jänicke wirft eine blick auf die Geschichte der Antifabewegung in Brandenburg.
Der Rechtsanwalt Peer Stolle zeigt anhand von Beispielen aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, wie linke alternative Jugendkulturen diffamiert und kriminalisiert werden. Dabei sind sie unerlässlich für eine Funktionierende demokratische Kultur und bilden ein Gegengewicht zu rechten Hegemonialbestrebungen. Den sogenannten „Brandenburger Weg“, der auf das breite Bündnis zivilgesellschaftlicher AkteurInnen und staatlicher Institutionen setzt, stellt Gideon Botsch und Christoph Kopke vor.
Die Auseinandersetzung mit rechter Demonstrationspolitik beschreibt Jonas Frykman. Gabi Jaschke sprach mit VertreterInnen einiger Gedenkinitaviven über ihre Arbeit in Initiativen zum Gedenken an die Todesopfer rechter Gewalt. Julia Stegeman schilder zum Abschluss des Buches ihre Erfahrungen in der Bildungsarbeit zur Wanderausstellung „opfer rechter Gewalt seit 1990“.

Fazit:

Seit 15 Jahren arbeitet die Opferperspektive in Brandenburg. Der Verein bietet landesweit eine aufsuchende Beratung für Menschen, die Opfer rechter Gewalt wurden, ihren Angehörigen und Freunden sowie Zeugen. Die Beratung ist parteilich und zielt darauf ab, den Menschen, die von rechten GewalttäterInnen zu Opfern gemacht wurden, zu helfen und sie dabei zu begleiten, die Gewaltfolgen zu überwinden. Gleichzeitig recherchiert und erfasst Sie systematisch Fälle rechter Gewalttaten im Land Brandenburg. Sie veröffentlicht fortlaufend eine Chronologie rechter Gewalttaten sowie Statistiken und Analysen über die Entwicklung rechter Gewalt.

Das Monitoring und die Opferberatung verknüpft die Opferperspektive mit politisch-sozialen Interventionen, die Prozesse gesellschaftlicher Solidarität mit den Opfern auslösen und dadurch zur Ächtung von Rechtsextremismus und Gewalt beitragen sollen. Dazu gehört, Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Institutionen und Medien dazu einzuladen, durch die Solidarisierung mit den Opfern ein klares Zeichen für die Menschenrechte zu setzen. Dazu gehört auch, jene Gruppen zu stärken und zu unterstützen, die als gesellschaftliche Minderheiten Diskriminierung und Gewalt erfahren. Die Opferperspektive thematisiert rechte Gewalttaten aus der Sicht der Opfer.

Da die Themen sehr komplex sind werden sie in den Abschnitten aus unterschiedlichen Blickwickeln betrachtet, so das jeder Beitrag für sich steht. Was dem Buch sehr zu gute kommt so bleibt es Übersichtlich und Lesbar. Wer sich also für diese Art Beratungsarbeit interessiert, sollt sich diese Buch zulegen.

Opferperspektive e.V.: Rassistische Diskriminierung und rechte Gewalt – An der Seite der Betroffenen beraten, informieren, intervenieren, Münster 2013

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