Rede des Utopia e.V. zur Eröffnung des „Zugs der Erinnerung“

Werte Gäste,

ich, als Vertreter des Utopia e.V., bin froh, dass der Zug der Erinnerung nun schon zum zweiten Mal in Frankfurt Station macht. Bereits bei seinem letzten Aufenthalt im Jahr 2010 zeigten die hohen Besucher_innenzahlen, dass diese Form des öffentlichen Gedenkens Anklang findet. Und so gedenke auch ich heute, hier an diesem Ort, der Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Tausende Kinder wurden vor 70 Jahren aus den Niederlanden in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Kinder, die laut NS-Ideologie es nicht wert waren, weiterzuleben, die niemals die Chance bekamen, sich zu erwachsenen Persönlichkeiten zu entwickeln. Die Ausstellung im „Zug der Erinnerung“ ist ihnen gewidmet. Ihre Geschichten geben der Erinnerung einen Namen.

Zudem erinnert die Ausstellung an den Widerstand, den Häftlinge im Vernichtungslager Sobibor leisteten. Sie organisierten einen Aufstand gegen die SS und ermöglichten die Flucht der Häftlinge. Viele bezahlten dies mit ihrem Leben. Ich verneige mich vor diesen Helden, die noch im Angesicht der Vernichtungsmaschinerie den Mut fanden, sich gegen ihre Peiniger aufzulehnen. Der Aufstand in Sobibor ist kein Einzelfall. Selten war der Mut der zu Opfern Gemachten nicht.

Dem gegenüber stand die erdrückende Mehrheit der damaligen deutschen Gesellschaft. Sie waren es, die den Nationalsozialismus unterstützten, ja ihn ausmachten. Sie waren es, die die Entrechtung ihrer jüdischen Nachbarn hinnahmen, die sich die enteigneten Besitztümer nahmen, und die zusahen, als die Züge mit den zum Tode Verurteilten an ihnen vorbeifuhren – auch in dieser Stadt. Sie schritten nicht ein.

Die Widerstandskämpfer_innen von einst trugen dazu bei, dass wir heute in einer freieren Gesellschaft leben können. Doch Rassismus, Antisemitismus, Ausbeutung und Menschenverachtung sind immer noch virulent, auch in unserer Stadt. Das früh erloschene Leben der deportierten Kinder, der heldenhafte Mut der Widerständler, aber auch die abscheulichen Taten und das Zuschauen der Deutschen lässt mich heute aufstehen, wenn Menschenfeindlichkeit offen oder hinter vorgehaltener Hand offenbar wird.

Vielen Dank.

Frankfurt (Oder), den 05. Juni 2013

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