Zum 8. Mai 2011

Als ich darüber nachzudenken begann, was heute an dieser Stelle zu sagen sei, kamen mir zwei Fotos in den Sinn, die ich sehr gut im Gedächtnis habe.

Auf dem einen Foto, es stammt von Jewgenij Chaldeij, spiegeln sich sieben in Reihe marschierende Sowjetsoldaten im Wasser. Sie tragen Gewehre, Bajonette sind aufgepflanzt, Stahlhelme und Umhänge lassen die sieben gleich aussehen. Gesichter sind nicht zu erkennen. Sie eilen in der Abenddämmerung zur Erkundung oder vielleicht in ein Gefecht. Die Bildunterschrift heißt: Am Nordmeer 1941. Fotografiert am Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion. Wie viele zurückkehrten – wir wissen es nicht.

Das andere Foto zeigt den Teil einer Baracke und einen Wachturm. Vor und hinter dem Stacheldrahtzaun freudig erregte Menschen, sie schwenken Mützen und die Stiege zum Wachturm haben sie besetzt. Auf dem weht eine rote Fahne. Die Menschen sehen trotz ihrer Freude ausgezehrt aus, die meisten tragen gestreifte Hosen und Jacken. Es sind Häftlinge des KZ Dachau, die ihre Freiheit begrüßen – es hätten die in Auschwitz, Buchenwald, Dora, Bergen-Belsen, Sachsenhausen und anderswo sein können. „8. Mai 1945 – Befreiung! Was denn sonst?“ ist das Bild betitelt.

Mich berühren beide Fotos sehr stark, weil sie den Bogen des Leids spannen, den dieser von Deutschen entfachte Krieg den Menschen brachte.

Ein Krieg zur Neuordnung der Welt, zur Eroberung von Bodenschätzen, ein Krieg letztlich, der die Völker ins Verderben stürzte und an dem Kriegsgewinnler mächtig verdienten.

Dass sechsundsechzig Jahre nach Beendigung des Krieges, für die die Menschen in der Sowjetunion die Hauptlast trugen, unter gleichen Vorzeichen immer noch Kriege geführt werden, ist für die Menschheit beschämend. Wenngleich immer neue Kriegsgründe erfunden werden, es erweist sich, dass es stets um so genannte neue Ordnungen geht, um Bodenschätze, um die Vermehrung von Profiten und dass die Menschen unter den Kriegen grausam zu leiden haben. In allen Kriegen, die von imperialen Mächten heute geführt werden, sind unschuldige Menschen Opfer. Keiner der Waffengänge hat tatsächlich zum Frieden beigetragen.

Kriege heißen heute Kampfeinsatz, Befriedung, Antiterror, militärische Sicherung humanitärer Aktionen… So soll Glauben gemacht werden, Kriege seien eigentlich gar keine mehr. Die Opfer in Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan, in Libyen, in Palästina, in Afrika, die Kriege überall in der Welt beweisen jedoch erschütternd das Gegenteil.

Als der US-Präsident Obama im Juni 2009 das einstige Konzentrationslager Buchenwald besuchte, begleiteten ihn Elie Wiesel, Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger und Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald sowie Bertrand Herz, Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, der als Kind in das KZ Buchenwald kam.

Elie Wiesel sagte in Buchenwald an den US-Präsidenten gerichtet:

» Kann ich ihm [dem in Buchenwald umgekommenen Vater, G.H.] jetzt sagen, dass die Welt ihre Lektion gelernt hat? – Da bin ich nicht so sicher, Herr Präsident, wir setzten große Hoffnungen in Sie, einfach deswegen, weil Sie mit ihrem moralisch geprägten Blick auf die Geschichte in der Lage sein und sich verpflichtet fühlen werden, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, wo die Menschen aufhören, Krieg gegeneinander zu führen – jeder Krieg ist absurd, ist bedeutungslos – , einander zu hassen und das zu hassen, was am anderen Menschen anders ist, anstatt ihn zu respektieren. Aber die Welt hat ihre Lektion leider nicht gelernt […] Wird die Welt je lernen? « [ND, 12. Juni 2009, S.15]

Elie Wiesel wird weiter hoffen müssen.

Wenn wir uns heute, am 8. Mai, hier vor jenen verneigen, die ihr Leben für die Befreiung vom Faschismus gaben, dann tun wir es in Dankbarkeit. Wir erinnern an die große Leistung der Roten Armee, die dem von Nazideutschland ausgegangenen Morden ein Ende bereitete.

Wir tun es in der Gewissheit, dass eine andere Welt möglich ist – eine Welt des Friedens. Sie ist möglich durch Gerechtigkeit und Toleranz, nie und nirgends durch Krieg.

Wir tun es auch mit dem Willen, jede Bemühung zu unterstützen, die friedenserhaltend ist. Deshalb wird sich der Bund der Antifaschisten mit Nachdruck der neuen Initiative »Aktion Aufschrei« anschließen, die dazu betragen soll, den deutschen Waffenhandel, den Export deutscher Waffen und Rüstungsgüter generell zu verbieten.

Till

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