Einige Gedanken zum Thema Freiräume

Einige Gedanken zum Thema Freiräume und warum sie benötigt werden.
In diesen Tagen ist wieder einmal viel zu hören von Freiräumen und davon, dass viele von ihnen in ihrer Existenz bedroht sind. Was sind diese Freiräume eigentlich und wozu werden sie überhaupt gebraucht?

Freiräume sind zu allererst einmal eine Idee, die Idee, Nischen zu schaffen, in der Leben und Handeln anders möglich ist als in der Mehrheitsgesellschaft da draußen.
In dieser Gesellschaft sind wir alle Zwängen unterworfen. Manche spüren wir ganz deutlich , wie zum Beispiel den Zwang für die Dinge zahlen zu müssen, die wir im Supermarkt mitnehmen wollen, oder den Zwang zur Arbeit oder wenigstens zum Amt gehen zu müssen, damit wir auch Geld für die Dinge im Supermarkt haben. Andere Zwänge bemerken wir kaum noch oder fast gar nicht mehr, weil sie ganz tief in uns drin stecken, weil wir sie internalisiert haben. Der Gedanke, dass es ganz exakt und genau zwei Geschlechter geben würde, ist zum Beispiel so eine zwanghafte Vorstellung oder auch die Idee, dass wir eine Regierung bräuchten, die auf uns aufpasst und sich um unser Wohl kümmert. Beides ist natürlich völliger Unfug …

Da diese Zwänge überall um uns herum und auch in uns drin sind, kamen irgendwann einmal einige Menschen auf die Idee, Orte zu schaffen, an denen sie und andere versuchen könnten, etwas an diesen Zwängen zu ändern, an denen wir zum einen an den Zwängen arbeiten könnten, die uns ganz direkt und persönlich selbst betreffen, und dann auch an den Zwängen, denen andere unterworfen sind, die vielleicht ein wenig Hilfe und Unterstützung brauchen bei der Bekämpfung dieser Zwänge. Menschen zum Beispiel, die aus irgendwelchen verrückten Gründen nicht hier im Land leben dürfen und die unsere Regierung, weil sie wie jede Regierung die meiste Zeit nur Unsinn treibt, irgendwo hin oder irgendwohin zurück schicken möchte, wo sie gar nicht hinwollen, weil es ihnen dort schlecht gehen würde oder weil die Regierungen oder andere Übeltäter _innen dort sie umbringen oder foltern oder ins Gefängnis stecken wollen, weil ihnen ihre Meinung oder ihr Aussehen oder ihre Sexualität nicht passt.

In Freiräumen können wir zusammenkommen und versuchen, Dinge anders zu machen, als sie in unserer Gesellschaft für gewöhnlich vonstatten gehen. Wir können mit vielen Menschen zusammenleben und versuchen, unseren Alltag und unsere Lebenswelt gemeinsam zu gestalten und zwar so, dass wir alle glücklich damit sind. Wir können uns unterhalten und diskutieren und träumen , wie wir alles auf dieser Welt ein kleines bisschen oder auch komplett anders und besser machen könnten. Wir können lernen, solange über eine Sache zu sprechen, bis wir uns wirklich einig sind, das heißt bis wir einen Konsens gefunden haben. In der Welt da draußen sagt uns entweder ein _e Chef_ in oder ein_ e Polizist_ in oder sonst irgendwelche unsympathischen Menschen , was wir tun sollen oder, wenn wir ganz viel Glück haben, wird abgestimmt und die Mehrheit oder die Stärkeren gewinnen. Das nennt sich dann Demokratie und ist zwar besser als die bösen Polizist _innen und Chef_innen aber so richtig toll ist es auch nicht …

In Freiräumen können wir auch Musik machen, Kunst schaffen und Partys feiern, so wie wir es wollen. Hätte es damals keine illegalen Clubs in leer stehenden Häusern oder Industrieanlagen gegeben, gäbe es heute keinen Techno, und hätte es in New York nicht ständig illegale Block Partys gegeben, dann gäbe es heute auch keinen Hip Hop. Wenn nicht Menschen angefangen hätten hässlich langweilige Mauern, Züge und auch alles andere bunt anzumalen, gäbe es heute kein Graffiti und keine Street Art. Wenn es also keine Freiräume für alternative Kunst und Musik gegeben hätte, dann wäre unser Leben heute um einige tolle Sachen ärmer, unsere Städte wären grauer und auf unseren Partys würde wahrscheinlich noch immer Phil Collins laufen…

Überhaupt. Partys. Die können in Freiräumen auch ganz anders ablaufen als in Clubs oder Bars oder wo Menschen sonst so feiern . Weil in Freiräumen normalerweise niemand versucht , Geld zu verdienen oder reich zu werden , können die Preise viel niedriger sein, und plötzlich ist niemand mehr zu arm zum feiern . Und weil wir die Freiräume ja geschaffen haben, damit wir uns ein Stück weit von all den Zwängen und den Unterdrückungsmechanismen unserer Gesellschaft befreien können, passen wir auf unseren Partys auch viel stärker darauf auf, dass niemand andere Menschen
belästigt und so die Party versaut. Anders als anderswo werden bei Partys in Freiräumen Menschen, die andere Menschen sexuell belästigen , rassistisch beleidigen oder einfach doof mackerig anprollen, meistens sofort und konsequent rausgeschmissen. Natürlich funktioniert das nicht immer, aber wir haben auch niemals behauptet, Freiräume wären perfekt. Sie sind nur ein Versuch einige Dinge oder am besten gleich alle ein bisschen oder auch komplett anders und besser zu machen.

Offenbar gibt es Menschen in dieser Gesellschaft, die das nicht gut finden. Oft sind das die gleichen Menschen, die auch sonst furchtbar seltsame Ansichten vertreten. Die Zeitungen zum Beispiel, die von Freiräumen als „Terrornestern“ und von Menschen, die sich für Freiräume engagieren, als „Chaot _innen“ sprechen, sind komischerweise auch die gleichen Zeitungen, die es total gut finden, wenn überall nervige Überwachungskameras aufgestellt werden oder es noch mehr Polizist _innen geben soll. Und wenn mal wieder prominente Menschen Probleme in ihrer Beziehung haben, dann zeigen sie mit ihren Fingen auf sie und drucken seitenweise Fotos, von Menschen, die gerade heulen oder knutschen oder sonst irgendwas machen, was uns alle eigentlich mal überhaupt nichts angeht und was uns eigentlich auch viel weniger interessieren sollte, als unsere eigenen Leben und wie sie uns vom Kapitalismus jeden Tag ganz gehörig versaut werden. Die Politiker_ innen und Parteien, die unsere Freiräume bedrohen, sind fast immer auch die gleichen, die bedenkenlos Menschen als Soldat_innen in andere Länder schicken auf die Gefahr hin, dass sie dort getötet oder selbst zu Mörder _ innen werden. Menschen, die so etwas tun und mit ihrem Gewissen vereinbaren können, sind mal echt keine Menschen, auf die wir hören sollten…

Wir brauchen Freiräume, damit wir uns irgendwohin zurückziehen können von dem Wahnsinn da draußen, damit wir Kräfte und Ideen sammeln können, um etwas gegen den Wahnsinn zu tun und damit andere Menschen, denen dieser Wahnsinn auch zu viel wird, Anlaufpunkte haben, wo sie Menschen finden, denen es genauso geht. Wir brauchen Freiräume, weil wir keine Lust haben so zu leben, wie irgendjemand irgendwann es mal beschlossen hat mit der tollen Begründung, es sei normal so oder es gehöre sich so. Wir entscheiden lieber selbst, wie wir leben wollen, weil wir das ganz sicher besser wissen als irgendwer sonst. Wir brauchen Freiräume, weil wir in unserem Alltag in dieser Welt, die auf der veralteten Idee Kapitalismus beruht, nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden. Die ganze Zeit müssen wir entweder Arbeiter_innen sein und irgendetwas machen, nur damit irgendeine Firma damit Geld verdienen kann, das sie dann aber nicht uns gibt, sondern lieber irgendwo investiert, damit sie noch mehr Geld verdienen kann, das wir dann aber auch nicht bekommen, oder wir müssen Konsument _innen sein und kaufen, kaufen, kaufen, damit die Wirtschaft läuft, damit die Binnennachfrage angekurbelt wird und sicher auch damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen. Wir müssen für fast alles fast immer bezahlen. Selbst für so absolut grundsätzliche Sachen wie Wasser, Essen oder ein Dach über dem Kopf. Dinge, die wir alle brauchen und auf die wir ein Recht haben, ein Menschenrecht, das uns niemand wegnehmen kann oder darf. Und falls sich jetzt jemand wundert, dass doch genau das jeden Tag geschieht, dann ist das genau der richtige Ausgangspunkt, um sich mal so richtig Gedanken zu machen, was hier wohl noch so alles verdammt falsch läuft auf dieser Welt. Genau damit Menschen sich diese Gedanken machen können und versuchen können daraus auch Konsequenzen zu ziehen brauchen wir Freiräume, wir werden sie verteidigen und neue erkämpfen, weil wir das uns selbst, allen anderen, die sie so dringend brauchen oder noch brauchen werden, und der Welt als ganzes, die im Kapitalismus zu versinken droht, schuldig sind.

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