Die Brandenburger Mischung

Die Nachricht klang dramatisch: Auf dem Heimweg vom Sommerfest der Brandenburger DVU in Finowfurt seien fünf »Kameraden« angegriffen worden, meldete die (wenig später verbotene) Berliner Kameradschaft »Frontbann 24« im Juni 2009. »Zwanzig Verbrecher der Antifa« hätten ihre Opfer »überfallen und niedergestochen«. Die Untat verlange nach Reaktionen: »Es werden jetzt diverse Aktionen geplant, Nur durch gemeinsames, konsequentes Auftreten und Präsenz können wir diesen Linksfaschisten die Stirn bieten.« Tags darauf wurden gar Gerüchte kolportiert, dass mittlerweile »ein Kamerad den Stichverletzungen erlegen« sei. In den Presseberichten zum Vorfall war indes nichts von einem Toten zu lesen – und auch nicht von messerstechenden Antifas oder von Neonazis. Es habe eine brutale Aktion von Rockern der »Bandidos« gegen führende Mitglieder der »Hell’s Angels« gegeben, hieß es. Die »Berliner Zeitung« schrieb: »Bei den 23 bis 27 Jahre alten Verletzten, die am Sonntag gegen 3 Uhr bei einer Attacke in Finowfurt verletzt wurden, handelt es sich nicht um einfache Mitglieder, es sind Chefs der ›Hells Angels‹. Bei einem der drei Schwerverletzten haben die Angreifer versucht, ihm mit Axthieben das rechte Bein abzutrennen.« Das DVU-Sommerfest, von dem die Angegriffenen gekommen sein sollen, wurde in keinem Bericht erwähnt. Teilweise zurecht, denn inzwischen ist klar, dass die Opfer nicht als Neonazis, sondern als Biker von verfeindeten Rockern angegriffen wurden.

Mischszenen in Nordost-Brandenburg

Wie auch anderswo in der Bundesrepublik schwelt im Nordosten Brandenburgs ein Konflikt zwischen Rockergruppen, der teilweise äußerst brutal ausgetragen wird. Die Auseinandersetzungen sind nicht politischer Natur, sondern es geht um Einfluss in der Bikerszene. Doch in den vergangenen Jahren haben sich Teile der Neonazis den Rockern angenähert, Mischszenen sind entstanden. Das passt punktuell zusammen, denn habituell sind die beiden Spektren über Männlichkeitskult und Gesten von Kampfeslust einander ähnlich genug. Die Rockerklubs, in denen sich Neonazis bewegen, werden durch deren Präsenz nicht zu Neonaziklubs umgeformt, aber bis zu einem gewissen Grad politisch aufgeladen. Sie sind Orte des Austauschs der Szenen, Bewegungsgrund, sozialer Rückzugsraum und Geschäftsfeld für Neonazis. Umgekehrt wirkt die Nähe zur Rockerszene auf die Neonazis zurück. Das belegt die Episode vom »Antifamord«-Fehlalarm nach dem DVU-Sommerfest. Später, im August 2009, konnte die Polizei gerade noch verhindern, dass eine Wahlkampfkundgebung der DVU in Eberswalde von einer Gruppe bewaffneter Männer überfallen wurde.

Die Angreifer kamen vom »Chicanos MC Barnim«, der den Bandidos nahe steht. Sie wollten durchaus nicht mit ruppigen Rockermethoden gegen eine DVU-Veranstaltung intervenieren, sondern gegen ihre Rockerkonkurrenz vorgehen – und die verteilten zufällig gerade Flugblätter unterm DVU-Sonnenschirmchen. Zwei Tage später verbot das Brandenburger Innenministerium die Barnimer Gruppe der »Chicanos« – übrigens ohne den Hinweis, dass der versuchte Überfall in Eberswalde der konkrete Anlass für die Verbotsverfügung war.

Eine Dragsau und sein Nazishop

Die 2004 gegründeten »Dragsäue« aus Eberswalde sind ein Beispiel für die Verquickungen zwischen Neonaziund Rockerszene in der Region. In der Szenezeitschrift »Bikers News« vom Januar 2010 wird der Klub porträtiert: Zur Fünfjahresparty im vergangenen Herbst im Eberswalder Klubhaus spielte eine Liveband. Gäste kamen »sogar von der Insel Usedom« angereist, es gab ein Lagerfeuer, Halloween-Verkleidungen und Stripperin. Als Kontaktmöglichkeit führt die »Bikers News« die Handynummer eines »Dragsäue«-Mitglieds namens Gordon an. Beim fraglichen jungen Mann handelt es sich um Gordon Reinholz, der über die gleiche Telefonummer die Geschäfte seines »Nationalen Medienvertriebs« abwickelt – ein knallharter Neonaziversand. Daneben betreibt Reinholz (Jahrgang 1979) auch einen Survival-, Kleidungsdruck- und Neonaziladen in Eberswalde sowie den Hooligan-Kleidungsversand »Ready To Fight«.

Reinholz war Anführer der überregional wichtigen Kameradschaft »Märkischer Heimatschutz« (MHS). Frustriert von der damals stagnierenden Organisierungsarbeit und angesichts steigendem Antifa- und Repressionsdruck hatte Reinholz die Kameradschaft Ende 2006 aufgelöst. Er blieb seiner nazistischen Ideologie treu, zog sich vom Straßenaktivismus aber weitgehend zurück. In der Folge näherte er sich der Rockerszene an und war zum Beispiel 2008 bei einer AC/DC-Night-Party des »Born to be wild MC« in Berlin zu Gast. Eine fast deckungsgleiche Entwicklung machte der aus Angermünde stammende Christian Banaskiewicz durch, ebenso ein MHS-Kader der ersten Stunde. Von der Kameradschaft ging es gleichfalls zur »Born to be wild«-Party und dann ins Kleingewerbe. Banaskiewicz ist weiterhin Neonazi und nimmt hin und wieder an einschlägigen Demonstrationen teil1, betreibt sonst aber von Joachimsthal aus die Kleidungsversände »Rockshop 66« und »4 Skins«. Bei einer Sommerparty der »Dragsäue« im Jahr 2008 bot er seine Produktpalette an einem Verkaufsstand an.

Auf Fotos von verschiedenen »Dragsäue«-Partys ist gut zu erkennen, wie sich die Szenen vermengt haben. Reinholz ist in »Dragsäue«-Kluft zu sehen, klassische Biker posieren beim Bier und allerorten Gäste in »Thor Steinar«-Jacken, Lunikoff«-Mützen, »88«-Aufnähern und T-Shirts mit der Aufschrift »Nationaler Widerstand«. Bei der Halloween-Party lief jemand im Ku-Klux-Klan-Outfit inklusive weißer Zipfelmützen-Vermummung auf und hielt das vermutlich für humorvoll. Teile der aktuell aktiven Kameradschaften und der NPD sind bei den »Dragsäue«-Partys mittendrin dabei.

Keine Politik

Der Klub selbst betont in Stellungnahmen, keine Machtansprüche in der Rockerszene stellen zu wollen. »Wir sind kein MC, MF oder sonstiges«, heißt es auf einer Webseite abwiegelnd. Auch mit Politik habe man nichts am Hut. Auf ein antifaschistisches Flugblatt, in dem die Neonazipräsenz bei den »Dragsäuen« angesprochen wurde, reagierte der Klub empört: »Uns war und wird immer egal sein, was unsere Gäste oder einzelne Mitglieder für eine politische Meinung haben.

Wir werden auch keinen deswegen vorverurteilen und somit diskriminieren.« Das ist nur so zu verstehen: Die »Dragsäue« wollen zwar nicht unbedingt NPD-Parteitage in ihrem Klubhaus abhalten, Neonazis als Mitglieder und im Umfeld sind aber hochwillkommen. Allerdings wird auch vermerkt, dass man inzwischen, warum auch immer, mit Reinholz gebrochen habe: Der sei nämlich »seit Februar 2010 nicht mehr mit dem Club in Verbindung zu bringen«.

Eng befreundet sind die »Dragsäue« derweil mit den »Burgunden« aus dem uckermärkischen Schwedt. Die Gruppe, die auf ihrer Homepage germanentümelnde Textchen veröffentlicht und einen Thorshammer im Logo trägt, erklärt: »Wir haben nicht vergessen, dass unsere Vorfahren Germanen waren. Deshalb, haben wir uns nach einem der ältesten germanischen Stämmen benannt.« Auch die Schwedter Germanenrocker sind nach eigener Einschätzung »in alle Richtungen unpolitisch.« An anderem Ort bekundet ein »Burgunde«: »Wir bewegen uns in Bikerkreisen um Spaß zu haben und beteiligen uns an keinerlei politischer Arbeit.« Vorn mit dabei bei den »Burgunden« ist Andy Kucharzewski, der für die NPD in den uckermärkischen Kreistag gewählt wurde. Nach parteiinternen Querelen trat Kucharzewski im Oktober 2009 aus der Partei aus, behielt aber sein Mandat. Mittlerweile hat er sich an die »Freien Nationalisten Uckermark« angenähert und ist Dauergast bei Neonazi-Demonstrationen in der Region.

erschienen im Antifaschistischen Infoblatt

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