Elektronik für Wirtschaftsinspekteure

Als ich diesen Artikel auf heise.de gelesen habe, konnte ich trotz aller Abstumpung nicht verkneifen, mir zumindest milde kopfschüttelnd an die Stirn zu fassen. Laut des Artikels ist die informationsverarbeitende Maschinerie der Finanzindustrie inzwischen so weit fortgeschritten, dass Maschinen automatisiert Geschäfte (also Ankäufe und Verkäufe) von Beträgen in Bruchteilen von Sekunden abwickeln, dass einem schwindlig wird. An die 60% aller Geschäfte sollen so bereits abgewickelt werden.

Damit ein System — wie auch unser Finanzsystem — oszillieren kann, muss es ein gewisses Maß von eingebauter Trägheit überwinden. Denn Trägheit sorgt dafür, dass Veränderungen sich langsam genug auswirken, und Aktionen so auf Basis von langfristigen Entwicklungen vorgenommen werden können. Kurzfristige Trends werden dadurch auf natürlichem Wege ausreichend gedämpft. So muss man sich auch in der Elektronik Mühe geben, damit ein System oszilliert, denn die meisten frei schwingenden Systeme sind gedämpft.

Um das Hin und Her der heutigen Märkte zu erklären, benötigt man also einen Regler, der innerhalb kürzester Zeit aufgrund kleinste Veränderungen im Eingangssignal (also eine gemessene Differenz) verstärkt, und dieses verstärkte Signal dem Regelkreis selbst wieder zuführt. So wird die Dämpfung des Systems überwunden. Ein solches Element ist in der Elektronik z.B. der Differenzverstärker. Wenn ich mir den oben stehenden Artikel aufmerksam durchlese, dann habe diese hochautomatisierten Regler unserer Finanzwelt gefunden: Eben diese automatisierte Geschäftsabwicklungsmaschinerie der großen Finanzunternehmen und Fonds, die aus Trends in Sekundenschnelle Geschäfte in großem Umfang generieren.

Vielleicht sollten wir nicht länger darüber sprechen, dass unsere Finanzmärkte wieder „Stabilität“ benötigen, sondern das Kind beim Namen nennen: Wir schaffen wir es, wieder die nötige Trägheit in unsere Märkte zu bekommen?

Ich hätte da einen radikalen Vorschlag: Verbot aller automatisierten, bzw. „high frequency“ Wertpapiergeschäfte. Erstens ist diese Automation ein Privileg. Nur ein kleines, elitäres Grüppchen verfügt über direkt mit dem Wertpapiermarkt verbundene Systeme (und auch das nötige Handelsvolumen). Zweitens war menschliches Handeln in der Vergangenheit immer ein Trägheitsgarant mit hoher Verlässlichkeit.

Allerdings widerspricht das der Philosophie des schnellen Gewinns. Der ist an anderer Stelle aber auch immer ein schneller Verlust. Und dieser …

Moment mal! Sollte etwa wirklich das Gewinnstreben, also gemäß zeitgemäßer Defintion die Essenz des modernen Wirtschaftens selbst, eigens verantwortlich dafür sein, dass unser Wirtschaftssystem notwendigerweise oszilliert, sobald die Trägheit des Marktsystems durch Technisierung hinreichend überwunden ist? Ist etwa alles, was passierte, dass die Automation unserer Märkte so weit voran schritt, dass dieser Gendefekt jetzt zum Vorschein tritt?

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