Der Zug der Erinnerung in Frankfurt (Oder)

Vom 5. Bis zum 7. Mai 2010 macht der „Zug der Erinnerung“ Halt in Frankfurt (Oder) und erinnert an die Schicksale jener Kinder, welche zwischen 1940 und 1944 durch die NS-Behörden mit Unterstützung der Reichsbahn deportiert wurden. In Frankfurt (Oder) wurde dazu von Utopia e.V. ein begleitendes Veranstaltungsprogramm organisiert, welches sich vielfältig mit dem jüdischen Leben und jüdischer Kultur in Frankfurt auseinandersetzt.

Begleitprogramm

Dienstag, 4. Mai:

– Vortrag und Film: Shoah im Alltag am Beispiel des Films „Der Laden auf dem Korso“ (18:00 Uhr, Kontaktladen Utopia e.V., Berliner Str. 24)

– Buchvorstellung: „Zwangsarbeiter_innen in Frankfurt (Oder). – Wo und für wen mussten sie arbeiten?“ (19:30 Uhr, St. Gertraudkirche, Gertraudenplatz 6)

Mittwoch, 5. Mai:

– Eröffnung der Ausstellung: Eröffnungsveranstaltung und offizielle Begrüßung der Ausstellung und des Zuges der Erinnerung; Kaddisch mit der jüdischen Gemeinde (10:30 Uhr, Bahnhof)

– Stadtführung: Stolpersteine – Auf den Spuren der nationalsozialistischen Judenverfolgung 1933 – 1945 (17:00 Uhr, Synagogengedenkstein, Brunnenplatz)

– Vortrag: „Das Zwangsarbeiterlager Swiecko – Geschichte des weitgehend unbekannten NS-Lagers „Oderblick“ in der Nähe von Frankfurt (Oder)“ (19:30 Uhr, Jüdische Gemeinde, Halbe Stadt 30)

– im Anschluss an den Vortrag kann eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte in Frankfurt (Oder) ab 1294 und eine Ausstellung zu jüdischen Friedhöfen besucht werden.

Donnerstag, 6. Mai:

– Vortrag: „Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 – Die Situation in Frankfurt (Oder)“ (19:00 Uhr, AM 02, Europa-Universität Viadrina)

– Konzert: „Drei Liter Landwein“ – jiddischer Folk aus Frankfurt (Oder) (21:00 Uhr, The Garage, Hinterhof Berliner Str. 24)

Freitag, 7. Mai:

– Abschlussveranstaltung: Verabschiedung der Ausstellung und des Zuges der Erinnerung (18:00 Uhr, Bahnhof)

Zug der Erinnerung. Erinnern woran?

Von Oktober 1940 bis zum Dezember 1944 wurden europaweit zwischen 100.000 und 1.000.000 Kinder – genauer läßt sich die Zahl nicht mehr rekonstruieren – durch die NS-Behörden und die SS über Tausende Kilometer in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Züge voller Kinder, die die letzten Tage ihres Lebens vor der Ankunft in den Lagern in überfüllten Zügen verbrachten, welche viele Städte passierten und auf vielen Bahnhöfen Halt machte. Kinder, die auf Hilfe hofften, die niemals kam. Die Deutsche Reichsbahn ließ sich ihre Dienste für das NS-Regime gut entlohnen, hat für den „Weg in Vertreibung, Gefangenschaft und Vernichtung […] Kilometer für Kilometer Gebühren erhoben.“ Dass die Deutsche Bahn, immerhin Rechtsnachfolgerin der Deutschen Reichsbahn, am Zug der Erinnerung mit jedem zurückgelegten Kilometer Schienenstrecke und jeder Stunde Stellzeit auf einem Bahnhof verdient – ungeachtet aller Petitionen – wirft hier ein ebenso schlechtes Licht auf die Erinnerungs- und Versöhnungskultur des Staatsunternehmens, wie auch die Tatsache, dass kurz vor der Ankunft in Berlin noch immer kein Kompromiss für die dortige Unterbringung der Wanderausstellung erzielt wurde.

Der Zug der Erinnerung möchte das Gedenken wachhalten an diejenigen, deren Kindheit so jäh endete, möchte daran erinnern, dass der NS-Staat nicht nur aus knüppelnden SS-Horden bestand, sondern zu seiner Aufrechterhaltung eben auch der willfährigen Unterstützung durch Unternehmen und mindestens des passiven Beiseiteschauens oder Tolerierens durch große Teile der Bevölkerung bedurfte. Es gibt eine Vergangenheit, die uns mahnt, das Geschehene nie wieder zuzulassen. Dafür müssen wir uns dieser Vergangenheit aber stellen.

Die Ausstellung bedient sich dabei gerade nicht der Bildhaftigkeit und Zurschaustellung von Leid, um bei den Betrachterinnen und Betrachtern das Gefühl eines entfernten, überstandenen Grusels zu erzeugen.

Der „Zug der Erinnerung“ besteht aus mehreren Waggons, in denen die Geschichte der europäischen Deportationen in beispielhaften Biografien nacherzählt wird. […] Statt entsetzlicher Bilder zeigt die Ausstellung Andenken, die aus unseren Familienalben stammen könnten. Zu sehen ist das Lächeln der Kindheit und der Optimismus der Jugend. […] Die Bilder ihrer frohen und erwartungsvollen Gesichter laden nicht nur zum Gedenken ein, sondern vermitteln eine implizite Aufforderung: Gegen die Triebfedern der Verfolgung (Rassismus, Antisemitismus und nationalistische Ideologien) deutlich Stellung zu beziehen.

In einem erweiterten Ausstellungsbereich werden mehrere Täter der unterschiedlichen Funktionsebenen vorgestellt, die für den Transport der todgeweihten Kinder und Jugendlichen in die Vernichtungslager sorgten. Mehrere dieser Spezialisten setzten ihre Bahnkarrieren in der Nachkriegszeit fort.

Am Ende des zweiten Waggons hängen die noch leeren, durch die Recherche von Schulen und anderen Organisationen zu füllenden Tafeln mit den Fotos und Biographien einzelner Kinder aus den Gemeinden und Städten entlang der Fahrstrecke.

Der „Zug der Erinnerung“ hält auch eine Rechercheneinheit bereit: Computer und eine Handbibliothek laden zur Spurensuche ein.

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