Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung, 2009

Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung, 13. September 2009

Elie Wiesel, als Fünfzehnjähriger nach Auschwitz zur Vernichtung deportiert, von dort in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, überlebte die Schoah.
Als in den USA lebender Friedensnobelpreisträger wurde er gebeten, den Präsidenten bei dessen Besuch der Gedenkstätte KZ Buchenwald im Juni diesen Jahres zu begleiten.
Vor dem Lagertor mit der Inschrift JEDEM DAS SEINE sprach Elie Wiesel.
Bezug nehmend auf seinen in diesem KZ umgekommenen Vater sagte er:

»Kann ich ihm jetzt sagen, dass die Welt ihre Lektion gelernt hat? – Da bin ich nicht so
sicher. Herr Präsident, wir setzen große Hoffnungen in Sie, weil Sie mit ihrem moralisch
geprägten Blick auf die Geschichte in der Lage sein und sich verpflichtet fühlen werden, diese
Welt zu einem besseren Ort zu machen, wo die Menschen aufhören, Krieg gegeneinander zu führen – jeder Krieg ist absurd, ist bedeutungslos – , einander zu hassen und das zu hassen, was am anderen Menschen anders ist, anstatt ihn zu respektieren.
Aber die Welt hat ihre Lektion leider nicht gelernt.
Ich wurde am 11. April 1945 von der amerikanischen Armee befreit. Viele von uns waren damals davon überzeugt, dass wenigstens eine Lektion gelernt worden wäre, nämlich dass es nie wieder Krieg geben dürfe, dass der Hass nichts mehr sei, was sich Menschen zu eigen machen, dass Rassismus etwas Dummes sei […] Wird die Welt je lernen? […]«*

Neben Elie Wiesel stand die deutsche Bundeskanzlerin, von Schamröte im Gesicht fand sich keine Spur, waren doch diese Worte auch an Sie gerichtet. Sie ist Repräsentantin eines Staates, der in Afghanistan Krieg führt, wenngleich ihr Militärminister trotz offensichtlicher Eskalation der Lage in diesem Land nach wie vor von einem den Frieden stabilisierenden Einsatz redet. Als Vollstrecker US-amerikanischen Willens führen deutsche Soldaten mit immer umfangreicher werdendem Personal- und Technikaufwand, schwer bewaffnet und mit der Aussicht auf ein Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit Krieg. Und Krieg ist nichts anderes als Krieg!
Wahrlich, nicht mal diese eine Lektion, dass es nie wieder Krieg geben dürfe, ist gelernt worden.
Wie auch, wenn in Zeiten weltweiter Krise die Rüstungsindustrie höchste Profite einfährt?
Der Profit lässt vergessen, dass NIE WIEDER KRIEG eine Prämisse im Nachkriegskonsens war.

Die andere, NIE WIEDER FASCHISMUS, harrt ebenso ihrer Verwirklichung. Es hat gegenwärtig den Anschein, als hätten der Nichteinzug der Neofaschisten in die Landtage vom Saarland und von Thüringen sowie die Stimmenverluste in Sachsen zu gemütlichem Zurücklehnen geführt.
Aber: In keiner Weise ist die von den Neofaschisten ausgehende Gefahr geringer oder gar durch politische Entscheidungen eingegrenzt worden.
Dass vierundsechzig Jahre nach dem ersten Gedenktag für die Opfer des Faschismus eine solche Bilanz besteht, ist keineswegs ein Zeichen für das Funktionieren wahr- und wehrhafter Demokratie, zumal der Souverän, das Volk mit übergroßer Mehrheit sowohl Krieg als auch Faschismus für verdammungswürdig hält.
Deshalb ist unser Gedenken, unser Mahnen und unser Erinnern nicht allein auf Vergangenheit beschränkt, es ist von höchster Aktualität.
Geschichtsrevisionistische Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus beleidigt, demütigt und verhöhnt die Opfer des Faschismus, mordet sie zum zweiten Mal. Mit der dadurch vorgenommenen Relativierung der Verbrechen wird den Neofaschisten Hilfe geleistet beim weiteren Verankern in der Zivilgesellschaft. Wenn dann beteuert wird, Demokratie zu wahren, ist das in hohem Grade unglaubwürdig.
Wer zudem glaubt, mit Waffengewalt Frieden erzwingen zu können und deshalb deutsche Beteiligung an Kriegen permanent zu erweitern bestrebt ist, wer kritikresistent Volksmeinung ignoriert, ist ebenso unglaubwürdig.

* Zitiert nach: Neues Deutschland, 12. Juni 2009.

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